Längst treiben Preisverleihungen in Hollywood, Paris oder Berlin den Puls des Jungregisseurs nicht mehr in schwindelnde Höhen, denn seit sein Erstling „Menschenliebe“ auf internationalem Parkett Preise einheimste, geht es Schlag auf Schlag. Für Tuschinski ein Signal, das ihn motiviert, den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen. „Meine Filme ernten ganz unterschied­liche Reaktionen. Einige sind begeistert, andere verwerfen sie als zu albern, zu abstrakt, zu intellektuell. Mich stört das nicht.“

Im Gegenteil, der 29-Jährige mit dem Faible für das Unkonventionelle will polarisieren, will den Zuschauer dazu bringen, lang etablierte gesellschaftliche Mechanismen und Zwänge zu hinterfragen, indem er sie filmisch ad absurdum führt. Er finde es wichtig, das Publikum durch unterschied­liche Ebenen emotional und intellektuell anzusprechen, sagt er und führt Beethovens Sinfonien als Beispiel an: „Sie kommen harmonisch und leicht konsumierbar daher, aber wer gut zuhört, entdeckt bei jedem Hören etwas Neues, tiefer Verborgenes.“ Von aktuellen politischen Themen lässt er indes die Finger, da „die Szenerie sonst zu schnell altert“.

Trotz regelmäßiger Ehrungen bleibt der gebürtige Stuttgarter, der in Neu­gereut aufgewachsen ist und im Westen der Stadt lebt, bescheiden. Vielleicht liegt dem Fehlen typischer Karrieregeilheit der Fakt zugrunde, dass es ihm weniger um Kommerz als um Kunst und Vergnügen geht. Entsprechend heißt es immer und überall Hands on: Tuschinski schreibt seine Drehbücher selbst, er inszeniert, komponiert und schauspielert, filmt und schneidet, klopft nebenbei Termine fest, gleicht fehlendes Budget durch geschicktes Networking aus und ist sich auch nicht zu schade, persönlich Pizza für alle zu besorgen. „Wenn mich ein Thema interessiert, neige ich zur Obsession. Das kann für manche etwas gewöhnungsbedürftig sein“, gesteht er mit zaghaftem Lächeln. Seine Freizeit verbringt er häufig mit Briefmarken, wobei ihn speziell Fälschungen aus dem 19. Jahrhundert fesseln, über die er sich mit gewohnter Akribie und Begeisterung ein fast erschreckendes Wissen angeeignet hat. „Wenn die Sprache darauf kommt, muss ich mich immer bremsen, damit ich meine Zuhörer nicht total zurede.“

Der Filmemacher pflegt seine Träume und Ziele, beruflich wie privat. Neugier und Zielstrebigkeit hätten ihn dahin gebracht, wo er heute ist, sagt Tuschinski, der gerade am letzten Teil der „Trilogie der Rebellion“ arbeitet, und es gebe keinen Grund, nicht so weiterzuleben. Zumal noch viele Filmideen warten, jede einzelne ein Traumprojekt. „Außerdem habe ich einen Roman in petto, der thematisiert, warum so viele Menschen im Leben unbewusst immer das tun, was ihnen von verschiedener Seite aufgedrängt wird. Ich persönlich bemühe mich, jeden Moment so gut wie möglich zu gestalten.“