Lärm ist lästig. Und er kann vor allem auch krankmachen. Deshalb gibt es den sogenannten Lärmaktionsplan. Was es damit auf sich hat, wo es zu laut ist und was dagegen unternommen werden kann, erklärten Vertreter des Amtes für Umweltschutz vergangene Woche im Kursaal den Bezirksbeiräten der Neckarvororte.

 

 

„Der Straßenverkehr ist mit Abstand der höchste Verursacher von Lärmbelästigung“, sagte Thomas Schene vom Amt für Umweltschutz. Und „Cannstatt gehört zu den am höchsten belasteten Stadtbezirken“, wozu neben dem Straßenverkehr auch die Stadtbahn beiträgt. Grundsätzlich relativ ruhige Bezirke seien Mühlhausen und Münster.

Vor allem nächtlicher Lärm ab einer bestimmten Lautstärke schlägt auf die Gesundheit. Rund 36800 Stuttgarter (davon 4500 Cannstatter) sind des Nachts einem straßenverkehrbedingten Lärmpegel von über 55 Dezibel ausgesetzt, etwa 14 900 Stuttgarter (davon 2000 Cannstatter) von über 60 Dezibel.

Die sehr hohen nächtliche Lärmwerte über 60 Dezibel werden in Cannstatt an einigen Straßen erreicht: so etwa von der König-Karl-Straße über die Waiblinger Straße bis zum Augsburger Platz, von der Mercedesstraße über die Schönestraße bis hin zur Schmidener Straße und in der Neckarvorstadt die Prag-, Brücken- und Haldenstraße.

Auch die Eisenbahn ist sehr laut, worunter vor allem Anwohner in Ober- und Untertürkheim, Bad Cannstatt, Münster und Zazenhausen leiden. Allerdings hat die Stadt Stuttgart „ordnungsrechtlich keine Einflussmöglichkeiten“ auf die Deutsche Bahn, erklärte Hans-Wolf Zirkwitz, der Leiter des Amts für Umweltschutz. Aktiv Einfluss nehmen kann die Stadt aber auf diverses anderes.

Seit dem Lärmaktionsplan 2009 hat sie das schon getan, unter anderem mit dem Rückbau der Waiblinger und Nürnberger Straße, mit leiserem Fahrbahnbelag im Seeblickweg, der Sperrung des Cannstatter Marktplatzes für den Kfz-Verkehr, der Förderung des Radverkehrs etwa durch neue Radwege und Verbesserungen im ÖPNV wie etwa dem Ausbau der U12 bis zum Hallschlag.

Geplant ist noch einiges mehr, beispielsweise die Einführung des Parkraummanagements in den Cannstatter Innenstadtbereichen, weitere Radfahrstreifen (etwa an Gnesener und Deckerstraße), Tempo 40 an weiteren Steigungsstrecken (darunter der Nürnberger-, Gnesener-, Schmidener Straße und der Altenburger Steige), die Umgestaltung der Schöne- und Brückenstraße, Rampen an der Nordseite des Augsburger Platzes, lärmmindernder Fahrbahnbelag auf der B10 im Neckartal oder die Verlängerung der Stadtbahn zur Mercedes-Benz-Welt.

Und geprüft wird derzeit unter anderem eine S-Bahn-Verbindung von Zuffenhausen über Feuerbach nach Cannstatt, der Rückbau der Augsburger Straße, ein Kreisverkehr an Wilhelm- und Brunnenstraße, Pförtnerampeln an Nürnberger- und Schmidener Straße sowie am Seeblickweg und ein generelles Geschwindigkeitskonzept für Hauptverkehrsstraßen. Auch die Verlängerung der U2 nach Schmiden oder Oeffingen wird geprüft – doch viel Hoffnung auf Ausführung scheint nicht zu bestehen, es gebe „ein schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis“.

„Alle Maßnahmen umzusetzen, würde mehrere hundert Millionen Euro kosten“, so Schene. „Doch auch Lärm kostet!“ Bezifferbar. So sinkt bei Immobilien der Wert (0,9 Prozent Mietverlust pro Dezibel, bei einem Durchschnittspegel über 50 Dezibel) und es kostet in Stuttgart geschätzte 17 Millionen Euro im Jahr, lärmbedingte Krankheiten zu behandeln.

Das Thema Lärm gehört also in den Fokus genommen. Was denn auch mit dem Lärmaktionsplan getan werden soll: „Ziel ist, dass Lärm in den Planungen berücksichtigt wird, stärker bei politischen Entscheidungen berücksichtigt wird. Dass das Thema einen Platz bekommt“, so Zirkwitz. „Eine rechtliche Pflicht dazu besteht allerdings nicht.“

 

INFO

2002 hat die EU eine Umgebungslärmrichtlinie erlassen, 2005 wurde sie vom Bund in nationales Recht umgesetzt. Es galt, bis 2007 eine Lärmkartierung zu erstellen und auf dieser Basis einen Lärmaktionsplan. Alle fünf Jahre wird beides überarbeitet und fortgeschrieben.

In Stuttgart wurde vergangenes Jahr vom Gemeinderat die Fortschreibung des Lärmaktionsplans beschlossen, in diesem Jahr steht die nächste Lärmkartierung an. Diese Lärmkartierung basiert nicht auf Messungen, sondern sie wird berechnet. Das Berechnungsmodell entwickelt sich weiter, Bebauung verändert sich, die Verkehrsinfrastruktur ebenfalls – und so „wird es bei der neuen Kartierung 2017 lauter werden“, so Hans-Wolf Zirkwitz, der Leiter des Amts für Umweltschutz.

Was in dem Fall fast gut ist, denn wenn es an einer Stelle nicht „nur“ subjektiv zu laut ist, sondern offiziell festgestellt, kann eher etwas dagegen unternommen werden. Theoretisch. Praktisch fehlt es am Geld, um sich allen Krachstellen widmen zu können.