Schiller, Mörike, Bosch sind Persönlichkeiten, von denen jeder Stuttgarter ein paar Eckdaten kennt. Doch in der Region rund um den Neckar sind Spuren vieler anderer Bürger, auf die wir ständig stoßen und bei denen wir uns fragen: Wer war das eigentlich? In dieser Woche: Niccolò Jommelli.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, das ist bekannt, kamen die ersten Italiener hierher, um den Arbeitskräftemangel zu kompensieren. Doch eigentlich gab es schon weitaus früher Gastarbeiter in Stuttgart. Als einen solchen könnte man Niccolò Jommelli bezeichnen. An den 1714 bei Neapel geborenen Komponisten erinnert heute ein Quartett der Oper Stuttgart und seit dem 26. März 2002 ein Weg am Sommerhaldenbach in Botnang. Auch wenn nicht überliefert ist, wo Jommelli bis 1763, als er in die neue Residenzstadt Ludwigsburg zog, hier gewohnt hat, ist doch sicher, dass es nicht in der nach ihm benannten Straße war. Der Namensvorschlag war vom Komitee der Italiener im Ausland sowie von Stadtrat Stefan Barg gekommen. „Die Benennung hat damals viel positive Resonanz bei den Italienern gefunden – sogar der damalige Generalkonsul Dr. Musella kam zur Einweihung“, erinnert sich Bezirksvorsteher Wolfgang Stierle. Jommelli kam 1753 an den württembergischen Hof, nachdem Herzog Karl Eugen alles darangesetzt hatte, ihn zu engagieren. Und das zu sehr guten Konditionen, wie in einem Dekret zu lesen ist: Der zum Oberkapellmeister aufgestiegene Musiker erhielt ein Gehalt von 3000 Gulden, bis zum Jahr 1767 sollte sich die Gage mehr als verdoppeln, zusätzlich erhielt er eine besondere Entlohnung für jede neue Oper. Von ihnen schuf er in den 16 Jahren insgesamt 20, dazu acht Pastorale, Serenaden und Gelegenheitsspiele. Der Herzog förderte ihn und scheute keine Kosten, um die berühmtesten Sänger und Musiker ihrer Epoche an den Hof zu holen. Auch die Aufführungsorte – 1764 verlegte der Herzog seine Residenz nach Ludwigsburg, Spielorte waren zudem Tübingen und die Bühnen der Schlösser Grafeneck und Solitude – wurden regelmäßig üppig gestaltet. Zudem leistete sich der Hof ein Ensemble für die französische Komödie, ab 1758 ein Ballett, für dessen Leitung der renommierte Ballettmeister Jean Georges Noverre verpflichtet werden konnte, und eine eigene Opera buffa. Jommelli erhielt eine „Machtfülle, wie sie nur wenigen seiner Landsleuten an deutschen Fürstenhöfen zuteilgeworden ist“, schreibt dazu etwa der Musikhistoriker Hermann Josef Abert. Allerdings auch zum Missfallen des Orchesters, das er straff geführt haben soll. Gegenwind kam ebenso vom Adel wie von der Bevölkerung, die die Verschwendungssucht nicht länger dulden wollte. Nach einer längeren Reise Jommellis in sein Heimatland 1767 kam es zur Wende, das freundschaftliche Verhältnis zum Herzog kühlte ab, der auch „allmählich des übertriebenen Luxus überdrüssig geworden war und sich ausgetobt hatte“, wie Abert schreibt. Zudem hatte Karl Eugen No­verre entlassen, was Jommelli als Eingriff in seine Kompetenzen verstand. 1768 zeigte sich Jommelli jedoch noch „in vollster Tätigkeit“, und das auch im übertragenen Sinn, denn für „Fetonte“ traten 341 Soldaten, Pferde und 95 andere Komparsen auf. Doch schon ein Jahr später kam es dann zum Bruch, als Jommelli im Frühjahr mit seiner kränkelnden Frau nach Italien reisen und für sie mit dem Mobiliar seiner parallel zu Ludwigsburg existierenden Stuttgarter Wohnung ein Haus einrichten wollte. Nachdem Jommellis Wunsch, seine Partituren mit auf die Reise nehmen zu dürfen, vermutlich aus Angst vor seiner Abwanderung, abgelehnt worden war und der Herzog ohne seine Zustimmung neue Sänger verpflichtet hatte, bat der gekränkte Komponist im September 1769 von Neapel aus um seine Entlassung. Doch trotz dieser Missstimmung blieb er auch danach mit dem württembergischen Hof in Verbindung, den er laut Abert in „musikalischer Hinsicht zu einem der ersten in Deutschland emporgehoben hatte“. Und der ein großer Verlust war, wie die Stadt die Benennung für den bis dahin unbenannten Weg begründete: „Mit seinem Weggang sank das Niveau der Hofoper deutlich ab.“