Nach 36 Dienstjahren winkt der Leiterin des Hauptzollamts Stuttgart der Ruhestand.

 

 

Eigentlich wollte sie ja Mathematiklehrerin werden, erzählt die gebürtige Bad Cannstatterin lächelnd, denn Naturwissenschaften im Allgemeinen und Zahlen im Besonderen hätten es ihr schon immer angetan. Dass sie dennoch Jura studierte, ist ihrer recht komplexen Vorstellung eines Traumberufs geschuldet: „Ich wollte eine spannende, vielseitige, abwechslungsreiche Tätigkeit, bei der Menschen im Vordergrund stehen und ich meinen Drang, Gerechtes zu tun, ohne parteiisch zu sein, ausleben kann.“ Sie entscheidet sich für die Bundeszollbehörde, wird nach mehreren Stationen ins Hauptzollamt Stuttgart versetzt und übernimmt 2004 mit dessen Leitung die Verantwortung für rund 700 Mitarbeiter.

Schmuggel, Betrug, Drogen und Schlimmeres sind Kaags täglich’ Brot. Der Glauben an die Menschen bleibt da schnell auf der Strecke: „Niemand kann von Haus aus von Straf­taten freigesprochen werden, es ist alles eine Frage des Preises. Ich muss mich regelmäßig selbst erinnern, nicht in eine ,Die Welt ist schlecht‘-Überzeugung zu rutschen.“ Dennoch: Während Verfehlungen gegen das Gesetz mit juristischen Mechanismen abgegolten werden können, braucht es für den zwischenmenschlichen Bereich Empathie, Fingerspitzengefühl und innere Stabilität: „Als Vorgesetzte gehört es zu meinen Aufgaben, Vorgaben umzusetzen, gelegentlich auch gegen die eigene Überzeugung, und bei Dienstverfehlungen den Kopf hinzuhalten. Die wirkliche Herausforderung besteht aber darin, Distanz zu wahren, wenn es um die Nöte der Mitarbeiter geht.“


Tragische Geschichten, die von finanziellen Sorgen, Ehekrisen und kranken Familienangehörigen erzählen, hört sie viele, muss sogar einmal auf der Beerdigung eines Kollegen, der Selbstmord begeht, eine Rede halten. In solchen Fällen hält sie sich an den Leitspruch „Handle so, dass du vor dir selbst bestehen kannst“, denn mit Ansprechpartnern sieht es ihrerseits schlecht aus. „Meine Position macht einsam, das ist eine ihrer Schattenseiten.“ Doch wo Schatten ist, da ist auch Licht, und so blickt die 64-Jährige mit Vergnügen und ein wenig Stolz auf so manches Highlight zurück: auf den Aufbau der Zentralstelle für Verbrauchsteuern, „ein ganz verwaltungsuntypisch kreatives Projekt“, oder die Einführung eines Umweltmanagementsystems mit Elektroautos, Mülltrennung und Bienen auf dem Dach, das dem Hauptzollamt als erster Dienststelle der Bundeszollverwaltung die EMAS-Zertifizierung einbrachte.

Nach 36 Jahren beim Zoll heißt es für Kaag Abschied nehmen von einer Profession, die für die bekennende Workaholikerin viel mehr bedeutet als schlichten Broterwerb. Entsprechend sieht sie „der Rente“ mit gemischten Gefühlen entgegen: Je nach Laune überwiegt mal die Freude auf Reisen und Mußestunden, mal die Wehmut, den geliebten Beruf an den Nagel zu hängen. Eines jedoch weiß sie sicher: „Ich war immer mit vollem Herzen dabei und würde jederzeit wieder die gleiche Berufsentscheidung wählen.“