Der Stuttgarter Jazz-Professor Rainer Tempel spielt bei Dieter Thomas Kuhn.

 

Er ist Jazz-Professor und Studiendekan an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Er erhielt 2002 den Jazzpreis Baden-Württemberg – und er spielt seit zehn Jahren in der Kapelle von Schlager-Kultstar Dieter Thomas Kuhn. Für Rainer Tempel, Jahrgang 1971, gibt es durchaus Schnittmengen zwischen beiden Musikrichtungen. Schließlich stamme das Jazz-Repertoire zu einem großen Teil aus dem amerikanischen Schlager, dem Great American Songbook. „Dort hat das Songwriting, was Text und Musik angeht, etwas mehr Tiefgang, was nicht heißt, dass es auf beiden Seiten keine Ausnahmen gäbe“, betont der aus Tübingen stammende Musiker. Der Wohnort war Grund für das Engagement bei der Schlager-Kapelle, denn Tempel wohnt mit seiner Familie in direkter Nachbarschaft von Familie Kuhn.

„Ich glaube nicht, dass ich wegen meiner Lehrtätigkeit in der Band bin“, lacht der Professor, der bei den Schlagerkonzerten unter dem Namen „Heintje T.“ an der Orgel steht. Ganz so akkurat wie bei einem Jazz-Konzert oder dem Auftritt in einer renommierten Big Band geht es bei den Klängen von „Griechischer Wein“ und „Über den Wolken“ naturgemäß nicht zu. „Da muss es einfach etwas dreckiger sein, um so zu spielen, sollte man Band­erfahrung aus der Garage mitbringen“, erklärt der Künstler die unterschiedlichen Konzepte. Hohn und Spott seriöser Kollegen für solche Spaß-Auftritte gebe es dabei nicht, ganz im Gegenteil. Seine Kollegen wären begeistert gewesen von der Schlager-Show. Der ein oder andere würde sich so einen Kon­trast auch wünschen, vermutet Tempel: „Zudem erhöhen 40 bis 50 Rock ’n’ Roll-Shows im Jahr eindeutig die Street Credibility eines Hochschullehrers.“

Entdeckt hat Tempel seine Leidenschaft für die Musik bereits als Jugendlicher. Er lernte klassisches Klavier und gründete während seiner Schulzeit in Mössingen seine ersten Bands. 1994 folgte das Jazzklavierstudium am Meistersinger-Konservatorium in Nürnberg, es folgten musikalische Projekte. Als Komponist, Arrangeur oder Dirigent arbeitete Rainer Tempel für zahlreiche Orchester, darunter die Big Bands von SWR, NDR und Rias, das Zurich Jazz Orchestra, die Württembergische Philharmonie Reutlingen oder das Abba-Musical „Mamma Mia!“ im SI-Cen­trum Stuttgart. Für den leidenschaftlichen Fußball-Fan darf auch die musikalische Verbeugung vor seinem VfB nicht fehlen. Keine Hymne, sondern „ein etwas melancholisches Stück, das einer in Cannstatt bekannten Gefühls­lage entspricht“.

Mit der Musiker-Ikone Chick Corea hat Tempel gleichfalls schon gejazzt, zumindest ein bisschen:„Ich habe als 16-Jähriger nach einem Konzert ein paar Takte vierhändig mit ihm gespielt“, erinnert er sich an das Ereignis. Die traditionellen drei Open-Air-Auftritte von Dieter Thomas Kuhn auf dem Killesberg sind wie üblich seit Langem ausverkauft.

Das Geheimnis des Erfolges kann auch „Heintje T.“ nicht ganz erklären: „Dazu ist so viel gesagt worden, auch vom Chef selbst, und immer ist ein Fragezeichen dabei. Ich selbst sehe bei meinen Kollegen einfach eine vollständige Hingabe an das Projekt ihres Lebens und wünschte mir ebendies bei jeder Art von Musik.“ Wer den Jazz-Musiker erleben möchte: Es gibt zwei aktuelle CDs von Rainer Tempel und 2018 sind wieder Konzerte seiner Hochschule geplant.