Die Provenienzforscherin spürt der Geschichte von Kunstwerken zweifelhafter Herkunft nach.

 

 

Anja Heuss sitzt in ihrem Büro in der Stuttgarter Staatsgalerie, die Hände locker im Schoss. Mit ru­higer Stimme erzählt sie von Zwangsverkäufen, Enteignung und Raub unbezahlbarer Kunstgegen­stände während der NS-Zeit. Trotz der fast unglaublichen Geschichten bleibt sie ganz gelassen – es ist ihr täglich Brot. „Zahlreiche Raubobjekte befinden sich im Besitz deutscher Museen. Dennoch sahen diese Institutionen Provenienzforscher wie mich lange als erklärte Feinde an. Erst mit der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung 1998 änderte sich diese Ein­stellung.“

Dass die gebürtige Badenerin überhaupt nach geraubten Kunstschätzen fahndet, ist eher dem Zufall als einem gesteigerten Interesse an Kunst oder Geschichte geschuldet. Eigentlich sieht die Brünette, die Germanistik, Philosophie, Film- und Theaterwissenschaften studierte, ihre berufliche Zukunft im Verlagswesen. Das Schicksal schlägt zu, als sie im Rahmen eines Forschungsprojekts die Buchbestände der Mainzer Universitätsbibliothek katalogisiert und auf wertvolle historische Handschriften und Inkunabeln einer Familie Sabatini stößt. Sie informiert den Direktor über ihren Fund und handelt, als dieser ihr Anliegen unwillig abwehrt, auf eigene Faust: Sie greift zum Telefon und bereitet den Sabatinis die Überraschung ihres Lebens. „Es war mein erster und schnellster Fall, aber ich habe nie herausgefunden, wie die Bücher überhaupt nach Mainz gekommen sind.“

Aus Zufall wird rasch Leidenschaft. „Es ist mir ein Anliegen, mit meinen Bemühungen zu Gerechtigkeit und ein wenig Wiedergutmachung beizutragen“, so Heuss. Daneben spricht die vielseitige Tätigkeit ihr persönliches Faible für Detektiv- und Pionierarbeit an: das Jagdfieber, das bei der Suche nach des Rätsels Lösung unwillkürlich in ihr aufkommt; das befriedigende Gefühl, als Erste lang verschollen geglaubte Akten begutachten zu können; die Prise Genugtuung, weil sie wichtige Entwicklungen rund um das Thema Kunstraub mit angestoßen hat. Es spricht für Heuss’ Berufsentscheidung, dass sie nach über 25 Jahren in diesem Metier immer noch lobt, sich keinen Tag gelangweilt zu haben. „Ich empfinde das als ein großes, keineswegs selbstverständliches Privileg.“

Dennoch ist Provenienzforschung ein schwieriges, forderndes Geschäft, das Charakterstärke voraussetzt, „da man nicht mit jedem lieb Kind sein kann und stets objektiv bleiben muss“. Darüber hinaus verlangt Heuss’ Aufgabe Geduld und Beharrlichkeit, dazu das sprichwörtliche Sitzfleisch, wenn es um Forschung in Archiven geht. Da sich die Spurensuche über die ganze Welt ausdehnt, ist eine gute Vernetzung unerlässlich, ersetzt aber nicht eigene Recherchen vor Ort. Entsprechend heißt der Wermutstropfen in Heuss’ Leben Freizeit: Ein wenig mehr, um sie mit Sohn und Ehemann in der Natur zu verbringen, hätte sie schon gern.