Die Kunsthistorikerin ist als Kuratorin für altdeutsche und niederländische Malerei an der Staatsgalerie tätig.

 

 

Ob sie sich schon in ihrem Aufgabenbereich eingearbeitet habe? Die Frage entlockt Dr. Sandra-Kristin Diefenthaler ein leichtes Lächeln. „In mein Arbeitsgebiet fallen alleine 550 Gemälde, die es zu konservieren, zu bewahren und zu erforschen gilt. Vorsichtig geschätzt dauert alleine Letzteres Jahrzehnte. Vorerst bin ich dabei, mir einen Überblick zu verschaffen und die Ziele für die nächsten fünf Jahre zu definieren.“

Zunehmend begeistert erzählt sie von Meisterwerken Rembrandts, Memlings und Holbeins, vom Jubiläum des Herrenberger Altars im September, für das sie eine Präsentation ausarbeitet, und von der Idee einer Ausstellung über altschwäbische Tafelmalerei. Schnell wird klar, dass Kunst nicht nur im Berufsleben der gebür­tigen Augsburgerin mit dem sympathisch rollenden „r“ eine entscheidende Rolle spielt: Wann immer es ihre Zeit zulässt, durchstreift sie Museen auf der Suche nach alten Schätzen; sogar die Urlaubsziele wählt die 37-Jährige gemeinsam mit ihrem Mann, seines Zeichens Historiker für die Frühe Neuzeit, anhand der kulturellen Sehenswürdigkeiten. Sie lacht: „Ich spioniere eben gerne die Konkurrenz aus.“

Ihre Leidenschaft speziell für mittelalterliche Geschichte erwacht früh. Gemeinsam mit den Eltern erkundet der Teenager die musealen Schätze Europas und entwickelt ein besonderes Faible für Kirchenkunst. „Die Aura, die ich in Kirchen oft verspüre, hat weniger mit Religion als mit Kunst zu tun. Ich sehe Gemälde und Altäre und frage mich, warum der Künstler ausgerechnet dieses Motiv, diese Technik gewählt hat.“ Entgegen dem Ratschlag ihrer Freunde, Pharmazeutin zu werden, und ungeachtet der schwierigen Berufsper­spektiven entscheidet sie sich für ein Studium der Kunstgeschichte, Mittelalterlichen Geschichte, Deutschen Sprache und Literatur des Mittelalters.

Ihr Berufsziel steht fest: Kuratorin. „Der Forschungsbedarf auf diesem Gebiet ist besonders groß, was mich ebenso reizt wie die Möglichkeit, das Thema auch anderen nahezubringen.“ Auf dem Weg zum Traumberuf kommt sie 2013 für ein Volontariat zum ersten Mal an die Staatsgalerie; zwischen 2015 und 2016 forscht sie zur Provenienz eines Konvoluts von 143 Grafiken von Ernst Ludwig Kirchner, die angeblich aus der Sammlung Gervais stammen. Wenngleich abseits ihres Kernthemas sei die Beschäftigung mit Raubkunst eine spannende Aufgabe und beileibe kein Nachteil gewesen, findet sie heute: „Es ist immer gut, ein zweites Standbein zu haben.“

Als große Herausforderung versteht Diefenthaler die Aufgabe, vor allem junge Menschen stärker für Kunst zu interessieren. In diesem Zusammenhang stellten digitale Medien weniger Konkurrenz denn Chance dar, erläutert sie. „Informationen über ein Exponat, die direkt vor Ort per App abrufbar sind, kämen den Bedürfnissen von Individualbesuchern entgegen. Um junge Leute zu erreichen, bietet sich beispielsweise eine verstärkte Präsenz auf sozialen Plattformen an.“