Seit Februar leitet der gebürtige Bad Wurzacher das Finanzamt Stuttgart 1.

 

 

Ob er seine Steuererklärung immer noch selbst ausfülle? Reichle, ein schlaksiger Mann mit grauem Haar und Lachfältchen im gebräunten Gesicht, lacht und nickt. „Ja, das tue ich, zusammen mit meiner Frau. Schließlich muss ich als Mitarbeiter der
Finanzbehörde ja wissen, womit sich die Bürger rumschlagen.“ Allerdings nutzten sie mittlerweile die Online-Formulare im Elster-Portal und nicht mehr Bleistift und den Postweg, fügt er schmunzelnd hinzu.

Seit Februar steht Reichle dem Finanzamt Stuttgart 1 vor, in dem jährlich rund 45 000 Einkommensteuer- und 35 000 Arbeitnehmerfälle bearbeitet sowie 20 000 Unternehmen zur Umsatz- oder Gewerbesteuer veranlagt werden. Die Freude an neuen
Herausforderungen spornt den 60-Jährigen, der bisher nicht allzu viele Gedanken an den Ruhestand verschwendet hat, an, auch diese zu meistern: „Durch meine bisherige Laufbahn fühle ich mich gut auf die Anforderungen der Position vorbereitet.“ Reichle, der Rechtswissenschaften in Freiburg studierte und eher durch Zufall zur Finanzverwaltung kam, blickt auf mehr als 30 Jahre Berufserfahrung zurück, zunächst als Hauptsachgebietsleiter, später als stellvertretender Vorsteher, die letzten drei Jahre schließlich als Leiter.

Dass er dabei immer wieder auf das scheinbar unverwüstliche Klischee des staubtrocken-pedantischen Finanzbeamten stößt, amüsiert ihn, reizt aber auch zum Widerspruch: „Ich halte die Arbeit im höheren Dienst der Finanzverwaltung keinesfalls für langweilig, im Gegenteil.Damals wie heute empfinde ich die Kombination aus Steuerrecht einerseits und Personalverantwortung andererseits als spannendes Betätigungsfeld.“ Als Chef von mehr als 220 Angestellten liegt ihm Letztere besonders am Herzen: „Es ist mir wichtig, meinen Mitarbeitern als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. Vor allem wenn es sich um schwierige Lebenssituationen handelt, bei denen individuelle Lösungen gefunden und etabliert werden müssen.“ Sich selbst wiederum sehe er als umgänglichen und humorvollen Menschen mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, der ihm wahrscheinlich die gut zehn Jahre bei der Steuerfahndung eingebracht hat, ergänzt er augenzwinkernd. Dann wird er ernst: „Gerade beim Thema Steuern muss jeder seiner Pflicht nachkommen.“

Die neue Position bringt viel Verantwortung mit sich, lange Tage, die meist weit nach 17 Uhr enden. Dennoch hat sich Reichle entschlossen, seinen Wohnsitz in Ulm zu behalten. „Natürlich ist die Landeshauptstadt als Wohnort attraktiv, aber wir sind in Ulm verwurzelt. Dank der guten Bahnverbindung habe ich mich entschlossen, ein Berufspendler zu werden.“ Einen Ausgleich zu den langen Stunden am Schreibtisch und im Zugabteil stellen Ausflüge zu Fuß oder mit dem Rad und die wöchentlichen Fitnesstrainings dar. Und wenn neben Arbeit, Familie, Sport und gelegentlichen Theaterbesuchen noch Zeit übrig bleibt, entdeckt man ihn in einem ruhigen Winkel mit einem Buch seines Lieblings­autors Martin Walser.