Im Miteinander von Christen und Muslimen plädiert die Religionsexpertin für mehr Toleranz auf beiden Seiten.

 

 

Geht es um das Thema „interreligiöser Dialog“, ist Emina Corbo Mešic in ihrem Element. Seit über 20 Jahren setzt sich die Pädagogin – die bei JUMA BaWü als Projektleiterin arbeitet, die Sendung „Islamisches Wort“ des SWR mit moderiert und als freiberufliche Referentin Vorträge hält – für ein Zusammenleben der Religionen auf Augenhöhe ein. Ein Stück weit gibt sie damit weiter, was sie selbst in ihrer Kindheit lernte. „Meine Eltern stammen aus Bosnien, einem Land mit langer multireligiöser Geschichte. Sie haben mir vorgelebt, den eigenen muslimischen Glauben zu praktizieren und andere Glaubensrichtungen zu achten.“ Jahrzehnte später vermittelt die dreifache Mutter ihre Überzeugung, dass eine friedliche Koexistenz keine Utopie ist, sofern jeder seinem Gegenüber mit Wertschätzung und Toleranz begegnet, ihren Kindern: „Zwischen Christentum und Islam bestehen viele Berührungspunkte. Es ist wichtig, diese in den Fokus zu stellen, gleichzeitig die Unterschiede zu benennen und zu lernen, diese zu akzeptieren.“

Dass in der Realität Gleichgültigkeit, Abschottung und Ablehnung das Zusammenleben strapazieren, weiß die 40-Jährige aus eigener Erfahrung. Unbeabsichtigt oder gezielt sieht sie sich immer wieder mit Sticheleien und Kränkungen konfrontiert – beispielsweise, wenn sie als gebürtige Stuttgarterin auf ihr gutes Deutsch angesprochen wird, als sei allein das Tragen eines Kopftuchs eindeutiges Indiz für einen Migrationshintergrund. „Manchmal entmutigt mich, wie hartnäckig sich Vorurteile halten. Aber Aufgeben ist keine Option, will ich nicht dem Extremismus in die Hände spielen.“ Lieber nehme sie Zurückweisung als Ansporn zum Weitermachen, so die Kämpfernatur, die ihre Ziele ehrgeizig und konsequent auch gegen Widerstände verfolgt. „Auch die Muslime in Deutschland stehen in der Verantwortung, unsere Gesellschaft mitzugestalten. Mit der Opferrolle allein ist es nicht getan.“

Obwohl ihr voller Terminkalender wenig Raum für Freizeitaktivitäten lässt, eröffnet sich Corbo Mešic mit Beginn des Schuljahrs 2019/2020 ein neues Betä- tigungsfeld: Sprecherin der Stiftung Sunnitischer Schulrat. „Die Anfrage, ob meinerseits Interesse an einer Position im Vorstand bestünde, hat mich überrascht. Mir kamen mehrere andere Kandidaten in den Sinn, die infrage gekommen wären.“ Schlussendlich gibt die Chance, sich an der Ausarbeitung des islamischen Religionsunterrichts sunnitischer Prägung für Baden-Württemberger Schulen beteiligen zu können – eine lang gehegte Herzensangelegenheit –, den Ausschlag. Die Aufgaben sind vielfältig: die Umsetzung von Bildungsplänen und die Auswahl von Unterrichtsmaterialien gehören ebenso dazu wie die Entwicklung von Konzepten, den Unterricht auf andere Schulen auszuweiten, und die Beschlussfassung über die Lehrbefugnis für Lehrer und besonders Referendare. „In der Anfangsphase hat Letzteres meiner Ansicht nach Priorität.“