In der Vesperkirche gibt die Diakoniepfarrerin der evangelischen Kirche Stuttgart Bedürftigen ein Zuhause auf Zeit.

 

 

„Für mich stellt die Vesperkirche einen Ort der Begegnung und des Austauschs dar. Ich sehe meine Aufgabe in diesem Gefüge einerseits darin, den Gästen ein Stück diakonische Gemeinschaft zu bieten, andererseits das Thema Armut in die Öffentlichkeit zu tragen.“ Zum zweiten Mal obliegt der 58-Jährigen die Leitung der Vesperkirche, doch Skrupel ob der Verantwortung kannte und kennt sie nicht.

Im Gegenteil, sie genießt die Arbeit vor Ort, nah bei den Menschen und ihren Schicksalen. Und sie ist überzeugt von der Notwendigkeit der Einrichtung: „Ich würde gerne sagen, die Vesperkirche ist nach 25 Jahren überflüssig, aber dem ist nicht so. Zwar hat sich manches in Politik und Gesellschaft bewegt, doch wer aufmerksam durch die Stadt geht, kann Armut mit allen Sinnen wahrnehmen.“ Umso mehr freut sie sich über das zum Teil langjährige Engagement der 870 ehrenamtlichen Helfer – für sie ein Symbol der Solidarität ungeachtet Herkunft, Religion und Geldbeutel.

Im Leben der gebürtigen Leonbergerin spielen Empathie und Verantwortung eine entscheidende Rolle. Als Tochter eines Pfarrers kennt sie die Herausforderungen dieses Berufs nur zu gut, trotzdem entscheidet sie sich nach dem Studium der Theologie und Altphilologie gegen die Lehrerlaufbahn und für das Pfarramt. „Ich wollte wissen, was die Menschen bewegt, Anteil nehmen sowohl an schönen Erlebnissen als auch an Sorgen und Nöten.“

Mit Begeisterung erzählt sie von ihren Erfahrungen: wie oft schon ein offenes Ohr reiche, damit die Welt weniger bedrohlich aussieht; wie befriedigend das Gefühl sei, helfen zu können. Mit dem Wechsel zum Altenhilfeträger Dienste für Menschen entdeckt sie ihr Herz für diakonische Aufgaben; als dann die Position als Diakoniepfarrerin vakant wird, fühlt sie sich bestens gerüstet. „Ich bin für die Kirchengemeinden im Kirchenkreis da, um diakonische Arbeit zu unterstützen und zu vernetzen und diakonische Verantwortung der evangelischen Kirche in der Stadt Stuttgart zur Sprache zu bringen“, beschreibt sie die Herausforderungen, mit denen sie sich auseinandersetzt.

Die Vesperkirche nimmt in dieser Aufzählung eine Sonderstellung ein. Für Ehrmann steht sie für eine Gemeinschaft, in der jeder Einzelne ungeachtet seines persönlichen Hintergrunds akzeptiert und mit Respekt behandelt wird. „Man könnte die Vesperkirche quasi als Lernort für das Miteinander bezeichnen, denn hier treffen Personen unterschiedlichster Couleur aufeinander, ohne dass die Situation eskaliert.“

Natürlich sind Spannungen unter Menschen, die oft zu kurz gekommen sind oder täglich ein Leben am Abgrund meistern, unvermeidbar, doch wird eine Situation brenzlig, scheut sich Ehrmann nicht, selbst einzuschreiten. „Wir wollen niemanden erziehen, aber wenn wir beispielsweise rechtsradikale oder ausländerfeindliche Sprüche hören, dann gehen wir hin und versuchen, für die andere Seite zu werben.“