Ohne hinzusehen gleiten ihre Finger über die Tasten des Flügels, entlocken ihnen eine kleine, beschwingte Melodie. Fast ein wenig selbstvergessen singt Gerda Herrmann von einem Telefon, das zu oft stumm bleibt, einem Anrufbeantworter, auf dem niemand eine Nachricht hinterlässt – ein Text, der so gar nicht zu den heiteren Klängen passen will. „In meinen Liedern setze ich mich mit Themen auseinander, die mich berühren. Das umfasst weltpolitische Ereignisse, aber auch ganz private Dinge wie das gelegentliche Gefühl von Einsamkeit.“

So schnell, wie er gekommen ist, verfliegt der Anschein von Schwermütigkeit. Lächelnd klopft die alte Dame auf das Notenblatt vor sich und erklärt, dass die eigentliche Aussage des Stücks durchaus positiv sei. „Das Lied endet mit der Aufforderung, nicht den Mut zu verlieren und auch nicht den Humor. Dieses Motto begleitet mich und hat mich schon manche schwere Situation meistern lassen.“ Schöne wie schmerzhafte Bilder, nach Jahrzehnten wie mit Sepia überzogen, doch gleichwohl präsent in der Erinnerung, fanden so Ausdruck in der Musik.

Obwohl ihre stattliche Sammlung mittlerweile fast 400 Lieder umfasst, erinnert sich die 88-Jährige noch gut an die Initialzündung. „Das war in einer Phase, in der mich die Pflegebedürftigkeit meiner Mutter und die eigene angegriffene Gesundheit stark belasteten. Also saß ich müde am Flügel und plötzlich entstand eine Melodie, die ich ‚Elegie‘ nannte.“

Während sie noch mit der linken Hand die letzten Töne hält, notiert die rechte bereits die Noten – eine Vorgehensweise, die sie bis heute beibehalten hat. Von ihrem Jüngsten in ihrem Tun bestärkt, wächst ihre Liedersammlung rapide, aber erst 1991 wagt die gebürtige Cannstatterin, ihre Werke in einem ersten Benefizkonzert in der Schlosskapelle Solitude zugunsten der Orgel zu präsentieren. Elf weitere Benefizkonzerte folgen, denn Künstler wie Zuhörer haben Freude an der Interpretation der Lieder.

„Trotz tiefer Dank­barkeit über die positive Resonanz braucht es manchmal Mut, ganz Persönliches wie in der ‚Feministischen Moritat‘ preiszugeben“, verrät die dreifache Mutter. Herrmanns Passion für Schreiben und Musik beschränkt sich nicht auf ihre Person. Seit 2003 bietet der Förderkreis Kreatives Schreiben und Musik Jugendlichen eine Plattform, eigene Texte zu veröffentlichen.

„Manchmal bedrücken mich düstere Texte mit deprimierender Wortwahl, beispielsweise zum Thema Mobbing in der Schule, aber es gibt auch viel Positives und Fröhliches, das in zehn Anthologien veröffentlicht wurde“, so die Mitbegründerin, die wiederum einige der Texte vertont hat. Einer dieser ehemaligen Autoren, der Filmemacher Alexander Tuschinski, hat Herrmann unlängst auf ganz besondere Weise geehrt: mit der Dokumentation „Die Liedermacherin von Botnang“. „Als ich von der Idee hörte, habe ich nur gesagt, ‚Es darf gelacht werden‘. Warum auch nicht?“