Der Direktor des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen ist mit Leib und Seele Archäologe.

 

 

Entspannt lehnt sich Gunter Schöbel zurück. „Ich bin mit Leib und Seele Archäologe. Neugier und Beharrlichkeit sind dabei Grundvoraussetzungen.“ Sein Faible für museale Schätze macht sich schon in Kindertagen bemerkbar: Steht weder Arbeit als Ordner beim VfB noch als Statist im Wilhelma-Theater an, beobachtet der Schüler Kirchenausgrabungen in Stuttgart-Hofen, legt später selbst Hand an. Besondere Faszination üben früheste Kulturen aus, „die man aus dem Boden holen und dechiffrieren muss, damit sie uns etwas über unsere Vergangenheit erzählen“.

Fast zwangsläufig verschreibt er sich nach dem Studium der Urund Frühgeschichte der Experimentellen Archäologie, einer Disziplin, die aus Mangel an Schriftquellen konkrete Fragenstellungen mittels Rekonstruktion zu beantworten sucht. Vielfältige Einsatzmöglichkeiten locken, doch schließlich weisen zwei Winke des Schicksals ihm den Weg.

„Ich hatte schon ein Flugticket, um an Ausgrabungen in Bagdad teilzunehmen. Aber als die Pfahlbauten in den Fokus rückten und zudem der Golfkrieg erneut aufflammte, entschied ich mich für die Heimat.“ Nach Übungsstunden im Schwimmbad erkundet er als Unterwasserarchäologe im Auftrag des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg zehn Jahre lang den Bodensee – immer im Winter, immer bei eisigen Temperaturen, weil dann das Wasser klarer und der See tiefer und weniger befahren ist. „Als frisch gebackener Archäologe durfte ich eine Holzflöte von 1050 v. Chr. bergen. Das zählt noch heute zu den Highlights meiner Laufbahn.“

Der gebürtige Stuttgarter, der im kommenden Sommer seinen 60. Geburtstag feiert, bleibt dem Bodensee und den Pfahlbauten treu. In den 25 Jahren als Direktor des Pfahlbaumuseums hat sich vieles verändert, nicht zuletzt erhielten die originalen Pfahlbaureste unter Wasser 2011 die lang erarbeitete Anerkennung als Weltkulturerbe. Mit der äußeren Wahrnehmung wandeln sich auch Schöbels Prioritäten.

„Alle zehn Jahre definiere ich neue Ziele. Anfangs verschrieb ich mich der Erlangung von Wissen, die letzte Dekade stand unter dem Motto, Museen als Institutionen der Wissensvermittlung zu bewerben.“ Auch die nächsten zehn Jahre seien bereits „verplant“, denn Schöbel hat sich die Aufgabe gestellt, die Archäologie, die im Zuge von G8 oft wegfiel, erneut im Schullehrplan zu verankern.

„Dazu sind sicher dicke Bretter zu bohren, aber die Gestaltung der Gesellschaft gehört zu den maßgeblichen Aufgaben von Museen. Schließlich sind sie es, die wissen, was Kultur bedeutet“, sagt er mit Verweis auf eine gut eine Million Jahre währende Menschheitsentwicklung, die auch ohne Digitalisierung durchaus erfolgreich Blüten hervorgebracht hat. Sekundenlang schaut er selbstvergessen ins Leere, dann blickt er mit einem Lächeln auf. „Dass ich meine Arbeit, meine Zielsetzungen in gewissem Rahmen selbst gestalten darf, gehört neben meiner Familie zu den größten Privilegien meines Lebens.“