Der „Katakombenkommissar“ hat seine spektakulärsten „cold cases“ in seinem neuen Buch zusammengetragen.

 

 

Mord und Totschlag kennt Kriminalhauptkommissar Hans-Peter Schühlen aus 40 Jahren Erfahrung in der Aufklärung von Tötungs­delikten und Brandstiftungen bei der Kripo Stuttgart. Jetzt hat der 65-Jährige seine spektakulärsten Fälle im Buch „Tatort Stuttgart“ zusammengetragen. Mit dem Blick des Insiders berichtet er hier von seinen Fällen – beginnend mit dem Suizid des RAF-Führungstrios um Ensslin/Baader in Stammheim bis hin zu den „cold cases“, die er am Ende seiner Laufbahn aufgeklärt hat. „Katakombenkommissar“: Diesen Spitznamen hat der „Pit“, wie ihn Kollegen und Freunde nennen, deshalb bekommen, weil er die letzten zehn Jahre seiner Dienstzeit (2005–2015) in dunklen Ecken und versteckten Asservatenkammern kramen musste, um alte, nicht aufgeklärte Fälle und Beweisstücke noch mal zu untersuchen. „Das waren auch die interessantesten Dienstjahre für mich“, findet Schühlen. Er hat ein ganzes Jahr gebraucht, um Akten zu 69 ungeklärten Mordfällen ab 1945 zusammenzutragen. „Davon konnten wir neun Stück hinterher noch aufklären“, zieht er eine stolze Bilanz.

Geholfen haben ihm auch neue kriminalistische Techniken in Sachen DNA- Analyse, z. B. Kleidung und Gegenstände mit kleinsten Fingerspuren, die man früher noch nicht testen konnte. Eigentlich wollte Schühlen als junger Mann zur Flugsicherung, bis er mitten in der heißen RAF-Zeit Mitte der 70er Jahre von der Kripo in Stuttgart angeworben wurde. Da man dort auch mit Terror-Brandanschlägen rechnete, machte er gleich noch eine Sprengmeisterausbildung. Hans-Peter Schühlen hat in seiner langen Polizeikarriere viele dramatische und schlimme Sachen mitbekommen. „Mein schlimmster Tatort war im Hallschlag, dort fand ich nach einem Brand vier Kinderleichen vor, da hatte ich als Familienvater Tränen in den Augen“, erinnert er sich. „Noch heute kann ich nicht durch Stuttgart laufen, ohne jede Ecke mit einem Fall in Verbindung zu bringen. Ich habe noch viele Fälle auf meiner internen Festplatte“, sagt er und zeigt auf seinen Kopf. Geholfen haben ihm bei der Verarbeitung viele Gespräche mit Kollegen und nicht zuletzt auch sein neues Buch. In die Familie tragen wollte er seine Fälle nie. „Kein Wunder, das ich Herzpro­bleme habe, ich bin ein introvertierter Typ.“

Hat der Ermittlungsalltag irgendetwas mit Krimis in den Medien zu tun? Schühlen lacht: „Viele haben keine Ahnung von Polizeiarbeit, welche Maschinerie in Gang kommt, wenn ein Mord passiert. Auch die Laborergebnisse kommen nicht gleich am nächsten Tag. Zudem arbeiten zum Teil 50 Beamten an 20 bis 30 Fällen parallel“, stellt er klar. Und es wird nicht laufend geschossen: „Ich habe in 40 Dienstjahren mit an die 150 Fällen meine Waffe kein einziges Mal abgeschossen! Ich bin viel im Büro gehockt.“ Einmal hat er seine Dienstwaffe in einem Fellbacher Möbelhaus vergessen, erinnert er sich. Beim Zurückfahren mit Blaulicht habe der Pförtner dort schon mit seiner Tasche in der Hand auf ihn gewartet. „Mein Puls war auf 200.“

Viele Fälle musste er nach seiner Pensionierung zurücklassen, die bearbeiten jetzt die Kollegen vom Dezernat 11 weiter. Zum Beispiel der Fall von Sabine Binder, die 1981 in Möhringen ermordet wurde. Damit hat sich Schühlen sehr lange befasst, der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt. Und somit auch nicht in seinem neuen Buch, denn Mord verjährt nicht und somit handelt es sich noch um ein schwebendes Verfahren. Im Buch werden nur abgeschlossene Fälle beschrieben. In seinem Privatleben möchte er gar keine Krimis sehen oder lesen: „Meine Frau sagt immer, ich soll still sein, wenn ein Krimi im Fernsehen läuft“, schmunzelt er. Hans-Peter Schühlen lebt mit seiner Frau in Weil der Stadt. Er hat zwei erwachsene Kinder. Schühlen war beim Aufbau des neuen Polizeimuseums maßgeblich beteiligt und führt dort auch die beliebten Führungen durch. Hans-Peter Schühlens Buch „Tatort Stuttgart. Meine spektakulärsten Fälle“, erschienen im Silberburg Verlag, ist für 19,90 Uhr unter ISBN 978-3-8425-2012-7 im Buchhandel erhältlich.