Seit mehr als 50 Jahren arbeitet die Bildhauerin an dem Neuaufbau der Figur in der Skulptur.

 

 

„Obwohl ich gerne male, galt mein spezielles Interesse von jeher der plastischen Darstellung.“ Ingrid Dahn, Jahrgang 1939, Flüchtlingskind aus Schwedt an der Oder, studierte Kunsterzieherin und Bildhauerin, gehört zur Riege der Künstlerinnen, die „exemplarisch für den fundamentalen Wandel der dreidimensionalen Form Ende der 1960er Jahre stehen und seitdem den künstlerischen Diskurs prägen.“ Sie selbst kommentiert derlei Lobreden mit gleichmütigem Achselzucken.

„Für mich war es eher eine Zeit des Ex­perimentierens, weniger Kampf um Anerkennung.“ Dennoch erlebt auch sie, wie schwierig es ist, als Nachwuchskünstlerin ernst genommen zu werden, als sie sich 1963 für die Bildhauerklasse von Professor Rudolf Hoflehner an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bewirbt. „Der lehnte Frauen in seiner Klasse ab. Ich wurde nur als Anhängsel meines Mannes geduldet, der ebenfalls Bildhauerei studierte“, erinnert sich die 80-Jährige und verrät mit ironischem Lächeln, dass schlussendlich ihr unbedingter Erfolgswille, gepaart mit einer satten Portion Stoizismus, den Sieg davontrug.

„Eines Tages sagte Hoflehner zu mir: ‚Wenn ich weiterhin Frauen aufnehme, haben die das Ihnen und der Beauvoir zu verdanken.‘“ Es bleibt nicht die einzige Enttäuschung, die Dahn für ihre aus Stahl und Eisenblech gefertigten Figuren, deren Ausstrahlung auf einer ganz eigenen, intensiven Körperlichkeit beruht, einstecken muss. „Die erste Ausstellung endete mit einem kompletten Verriss. Besonders kritisiert wurde ich wegen der angeblich sexuellen Komponente meiner Werke. Für eine junge Künstlerin war das ein herber Tiefschlag.“ Es ist Hoflehner, längst väterlicher Freund, der ihr in dieser Situation Mut zuspricht.

Bedenken ob des eigenen künstlerischen Renommees sind heute längst passé – Dahns Arbeiten zieren die Bibliothek im Schulzentrum Neugereut, das Regierungspräsidium Karlsruhe und andere öffentliche Räume. Obgleich nach wie vor der Neuaufbau der Figur von innen nach außen das zentrale Thema in Dahns Arbeiten ist, hat die Frage, wie sich die Vernetzung des Körpers mit Raum und Zeit visualisieren lässt, zunehmend an Gewicht gewonnen.

„Ich habe nach Formen gesucht, die sich nach außen ausweiten, und bin auf die Parabel gestoßen. Sie entspringt in meinen Figuren aus Kopf und Körper und setzt sich im Raum fort.“ Die Verwendung von Plexiglas, das Abstufungen in Transparenz zulässt, teils in Kombination mit anderen Materialien, verleiht ihren Plastiken eine filigrane Ästhetik, die immer neue Blickwinkel ermöglicht.

Neben der dreidimensionalen widmet sich die Wahl-Leonbergerin verstärkt der Umsetzung auf Leinwand und Papier, was zu gleichen Teilen aus Interesse und Notwendigkeit geboren ist. „Wir verbringen den Winter auf Teneriffa. Da ich dort nicht über das notwendige Equipment zur Bildhauerei verfüge, habe ich begonnen, das Thema mittels Farbe zu interpretieren.“

Die Galerie Dengler und Dengler zeigt Dahns Werke vom 6. Mai bis 7. Juni.