In seinem Roman „Schwabenflucht“ entwirft der Autor und Psychologe ein beängstigendes Szenario.

 

 

Zwischen bröckelnden Ruinen heulen Querschläger, Getötete bedecken die Straßen. Stuttgart liegt in Trümmern, die letzten Überlebenden fliehen aus Angst vor Terror und Tod in den sicheren Nahen Osten. Was wie eine Horrorvision klingt, ist in Jochen Benders jüngstem Roman längst Wirklichkeit geworden. „Die Flüchtlingskrise 2015 hat mich sehr beschäftigt, daher entschloss ich mich, das Leid der Menschen zu thematisieren, nur eben aus einer anderen Perspektive.“

Für den Autor, der sich sonst eher im Krimi-Genre zu Hause fühlt, stellt die Umsetzung dieses politisch wie gesellschaftlich brisanten Themas einen Ausflug in neue schriftstellerische Gefilde dar. Dass sein Verlag das Manuskript als „zu politisch“ ablehnt und frühe Leser zwischen Begeisterung – „anspruchsvoll spannend“ – und Verwirrung – „düster-beängstigend“ – schwanken, irritiert ihn wenig. „Meine Bücher sollen unterhalten, ohne allzu vorhersehbar zu sein, und die Idee eignete sich gut, einmal etwas völlig anderes zu schaffen. Das hat Spaß gemacht.“ Er lächelt und schlägt lässig die Beine übereinander.

Sich in die Gefühlswelt anderer hineinzuversetzen, ihre Reaktionen und Motivationen zu verstehen, gehört für den gebürtigen Stuttgarter zum Alltag. „Ich entschloss mich aus praktisch-finanziellen Erwägungen gegen die Schriftstellerei als Haupterwerb. Stattdessen habe ich auf Psychologie gesetzt, weil ich dachte, dass dieser Job meiner angeborenen Wissbegier sicher entgegenkommt.“ Eine richtige Entscheidung, findet er noch heute, denn der Beruf entpuppt sich als so abwechslungsreich wie erhofft und lässt viel Individualität zu.

Die Erfahrungen, die er im Kriminologischen Institut Tübingen, im Schwäbisch Gmündener Frauengefängnis und im schulpsychologischen Dienst sammelt, fließen wiederum in seine Romanfiguren ein. Bender zuckt die Schulter: „In John Grishams Büchern ist immer ein Jurist mit von der Partie. Das war für mich eine Art Vorlage, obwohl ich mich aus naheliegenden Gründen für einen Psychologen entschieden habe. Mittlerweile ist das so etwas wie mein Markenzeichen.“

Auch in Benders Fall fällt der Erfolg nicht vom Himmel. Als der zweifache Vater für sein erstes Buch einen Verleger sucht, hagelt es Absagen, sofern überhaupt eine Rückmeldung kommt; andere Verlage lassen sich ihr Engagement teuer bezahlen, im Vorfeld, versteht sich. „Glücklicherweise liegt meine Frustrationsgrenze recht hoch, so dass ich mich von Rückschlägen nicht so leicht beeindrucken lasse“, erklärt der 51-Jährige, der neben der Schriftstellerei mit Begeisterung Fahrrad fährt und wandert. Seine Hartnäckigkeit trägt Früchte: Heute ist aus dem Erstling eine Serie mit sechs Bänden geworden. Dennoch bleibt viel Raum nach oben: „Wenn ein Buch so gut ankommt, dass eine zweite Auflage erscheint, freut mich das natürlich. Das stellt eine schöne Bestätigung meiner Arbeit dar.“