„Wenn ein Amateur nicht gut ist, kann er doch authentisch sein“, deshalb liebt der Theaterregisseur Amateurbühnen.

 

„Lasst uns den Tisch lieber schräg stellen.“ Jürgen von Bülow winkt in Richtung Bühne, springt auf und legt selbst Hand an. Zurück am Regietisch geht die Probe weiter. Von Bülow, Künstler von Beruf und Berufung, pocht mit dem Kuli auf sein Skript, gestikuliert, fährt sich durch die ohnehin in alle Richtungen abstehenden Haare, lobt, lacht – er ist in seinem Element. Der heute 62-Jährige erliegt dem Lockruf des Theaters schon in der Jugendzeit. Statt für das Abitur zu büffeln, arbeitet er lieber als Statist, ergattert schließlich eine Festanstellung als Regieassistent am Stuttgarter Staatstheater. „Mehr als das Endprodukt hat mich immer der Entstehungsprozess gereizt, in dessen Verlauf Charaktere und Geschichte zu einem properen Ganzen verschmelzen“, wähnt Bülow sich am richtigen Platz. Doch der Schein trügt. Zwar faszinieren ihn die Möglichkeiten, „aber die Hierarchie dort, das Kreisen um die Frage nach dem eigenen Marktwert waren auf Dauer nicht das Richtige für mich.“

Er wagt den Schwenk zum Fernsehen, zementiert erfolgreich seinen Ruf als Drehbuchautor für Produktionen wie „Tigerenten-Club“ oder „GZSZ“. Doch auch hier zieht der gebürtige Stuttgarter, der sich allen Widrigkeiten zum Trotz im Kessel behauptet, statt durch die Republik zu tingeln, nach acht Jahren die Reißleine, um sich verstärkt dem Amateurtheater zuzuwenden. „Die grundlegende Frage ist, wie man eine Story erzählen will. Bei Profi-Bühnen geht es um neue Interpretationen. Dagegen überzeugen Amateure gerade deshalb, weil sie auf der Bühne Fehler machen, Schwächen zeigen und so für den Zuschauer verstehbar werden.“ Obwohl sein Herz in erster Linie für das Theater schlägt, verdient Bülow seine Brötchen als Regisseur, Drehbuch- und Romanautor sowie als Dozent. „Als freier Künstler muss man lernen, Rückschläge einzustecken und trotzdem weiterzumachen. Je mehr Standbeine man hat, desto weniger hart fällt man“, weiß er aus Erfahrung und tastet fast unbewusst nach seinem Terminkalender.

In nächster Zeit stehe viel an, erzählt er: Am 11. Mai bringt die Theatergruppe der Universität Hohenheim seine Inszenierung von „Macke, Macke“ auf die Bühne; am 29. Juni feiert „Das kalte Herz“ im Naturtheater Renningen Premiere. Erstere Zusammenarbeit währt schon seit fast 20 Jahren, letztere ist ganz frisch und eine spezielle Herausforderung, weil ihm neben der Regie auch die Adaptation von Haugs Vorlage an die Bedürfnisse des Naturtheaters obliegt. Es stört ihn nicht, im Gegenteil, kann er seine Kreativität doch gleich auf mehreren Ebenen ausleben. „Mich überrascht oft, wie viele gute Ideen von den Spielern kommen. Ich glaube, es sind die un- terschiedlichen Sichtweisen – meine von außen, die der Akteure von innen – , die das Publikum in ihren Bann ziehen.“ Dass er Aufführungen trotzdem aufgeregter entgegenfiebert als die Spieler selbst, akzeptiert er längst als paradoxliebenswerte Tatsache.