Mit ihren Illustrationen haucht die Künstlerin einem Manuskript der Kinderbuchreihe „Häschenschule“ Leben ein.

 

„Als mich meine Agentin fragte, ob ich das Manuskript illustrieren wolle, konnte ich es kaum glauben. Vor Aufregung und Vorfreude hatte ich kurz weiche Knie, schließlich bin ich mit der ,Häschenschule‘ aufgewachsen.“ Der nostalgische Stil ihrer Zeichnungen, ihr zufolge bisher eher Hindernis als Benefit, gibt den Ausschlag. Mit Feuereifer geht Walther ans Werk, vertieft sich in alte Ausgaben und studiert gründlichst die zu illustrierenden Verse. Erste Skizzen entstehen, aus denen sich Schritt für Schritt Charaktere und Szenen mit wunderbar altmodisch-vertrautem Charme entwickeln. Doch auch modernen Nuancen finden sich: „Die größte Herausforderung bestand darin, einerseits an die Klassiker anzuknüpfen, andererseits eine Brücke in unsere Zeit zu schlagen. Beispielsweise hält die Emanzipation ganz behutsam Einzug in die Hasenidylle“, lächelt sie und deutet liebevoll auf eine Szene, in der ein Hasenmädchen seinen Freunden voran einen Abhang herunterrodelt.

 

Gut sechs Monate dauert die Arbeit an den Aquarellen, denn die gebürtige Esslingerin setzt auf traditionelles Handwerk statt auf Elektronik. „Weil die Ideen oft beim Zeichnen entstehen, ist das Gefühl des Bleistifts auf Papier unverzichtbar.“ Für Walther stellt die Arbeit an der „Häschenschule“ weit mehr dar als einen Auftrag oder eine geliebte Kindheitserinnerung. Nachdem sie bislang hauptsächlich für sich selbst gezeichnet hat, ist das Buch die Gestalt gewordene Bestätigung, dass ihre Art, Dinge zu sehen, auch für die Öffentlichkeit von Interesse ist. „Ich bin ein kreativer Freigeist. Obwohl es in wirtschaft- licher Hinsicht bestimmt lukrativer wäre, möchte ich nicht in Richtung Mainstream gedrängt werden, sondern die Dinge so festhalten, wie ich sie wahrnehme.“

 

Sie habe lange gebraucht, ihre beiden Leidenschaften, die Bücher und die Kunst, zu verknüpfen, gesteht die 42-Jährige und berichtet von ihrem Werdegang: wie sie bereits in der Kindheit die Leselust ihrer Mutter übernahm; wie sie ihr erstes Geld als Aushilfe in einem Buchladen verdiente; wie ihre damalige Schüchternheit und vielleicht auch ihr naturalistischer Stil sie davon abhielten, das Zeichnen zum Beruf zu machen, und sie stattdessen mit dem Studium der Anglistik und Germanistik den sicheren Weg wählte; wie sie zunächst bei einem Verlag, später als freie Übersetzerin arbeitet und in der Freizeit eigene Geschichten schreibt und illus- triert. Dennoch braucht es Jahre und ein doch noch absolviertes Kunststudium, bis ihr klar wird, dass genau darin ihre Berufung liegt. Noch ist keine der eigenen Ideen ausreichend gereift, um publiziert zu werden, doch das ist eine Frage der Zeit. An Aufträgen herrscht dennoch kein Mangel; besonders ein Projekt lässt ihr Herz höherschlagen: „2021 erscheint ein weiterer Band der ,Häschenschule‘, eine Ostergeschichte. Text und Zeichnungen werden aus meiner Feder stammen.“