In „Tod im Europaviertel“ gelingt dem Autor ein Spagat zwischen Philosophie, Politik und Mord und Totschlag.

 

 

Noch ein Krimi mit Lokalkolorit, mag mancher denken, der Larutans neuen Roman im Bücherregal sieht. Weit gefehlt! Zwar gibt es tatsächlich Tote und so mancher Schauplatz löst wissendes Nicken aus, aber damit endet die Ähnlichkeit auch schon. „Mich fasziniert, Grenzen und Abgründe des menschlichen Denkens und Handelns auszuloten. Der Punkt, an dem Normen verwischen und sich Werte ins Gegenteil verkehren, die Wahrheit verschwimmt und ‚das Böse‘ plötzlich die einzig mögliche Perspektive zu sein scheint. Der Mord dient lediglich als Fixum, um den sich alles dreht.“

Gerade weil seine Bücher abseits der vorgefassten Genres rangieren, besser gesagt: über sie hinauswachsen, ist ihm jegliche Etikettierung zuwider; dennoch weiß Larutan aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass Mord und Totschlag beim Gros der Verlage nun mal mehr Anklang finden als philo­sophische Erörterungen über Recht und Unrecht. „Insofern ist die Kombination aus Krimi und literarischer Figur ein Kompromiss, der alle Beteiligten zufriedenstellt“, gibt er zu und streicht sich die kinnlangen Haare hinters Ohr.

Larutans Karriere als Schriftsteller beginnt geradezu klassisch mit der Veröffentlichung von Kurzgeschichten. Ende der 1990er erscheint sein erster Roman „Tangens“. Als das Zweitwerk „Das Attentat“ bei Lesern wie Kritikern viel Lob erntet, wähnt er seinen Wunsch, die Brötchen fortan hauptberuflich als Autor zu verdienen, in greifbarer Nähe. „Pure Naivität“, sagt er heute und in seiner Stimme schwingt ein Hauch von Abgeklärtheit. „Wer vom Schreiben leben will, muss eine Menge mehr mitbringen als Kreativität und einen guten Plot.“ Verträge zerschlagen sich, weil Verlage auf aktuelle Trends setzen, denen er sich nicht unterwerfen will, und auf Schubladen pochen, in die sich seine Arbeiten partout nicht pressen lassen wollen. Gleichzeitig stoßen ihm die permanente Notwendigkeit zur Selbstdarstellung sowie das unumgängliche Networking zunehmend sauer auf: „Es war nie mein Ziel, immer unfreier zu werden, nur um freier Schriftsteller zu sein.“

Obgleich die Aufgabe des alten Traums ein schmerzhafter Prozess ist, entscheidet sich der Geschichts- und Politik­wissenschaftler, an der Merz-Akademie eine Dozentenstelle im Bereich Kulturwissenschaften und Kulturgeschichte anzunehmen. Sein Hauptberuf, wie der gebürtige Stutt­garter seine Lehrtätigkeit nennt, ermögliche ihm, seine Berufung gleich doppelt auszuleben: „Eigentlich wollte ich nie Lehrer sein. Doch dank der großen Themenfreiheit, die ich hier am Institut genieße, unterrichte ich das, was mich auch privat beschäftigt.“ Er lacht und fügt hinzu, dass ihn das Schreiben mittlerweile zu jeder Tageszeit begleite, entweder im Rahmen wissenschaftlicher Abhandlungen oder als Freizeitbeschäftigung. „Das Pseudonym Larutan, eine Umkehr des Wortes natural, ist der Abgrenzung zwischen Wissenschaftler und Romancier geschuldet.“