„Nur in der Literatur finde ich die Sprache, das auszudrücken, was unaussprechbar ist.“

 

 

Nein, er habe nie damit gerechnet, mit dem Literaturstipendium ausgezeichnet zu werden, gibt Mesut Bayraktar zu. Aber natürlich freue es ihn, die Juroren mit seinen Motiven überzeugt zu haben. „Ich schreibe für Menschen ohne Ausdrucksmittel, für die Bildung eine Überwindung ist. Weil ich weiß, wie es ist, wenn man kein kulturelles Kapital in die Wiege gelegt bekommen hat.“

Tatsächlich symbolisieren Bayraktars Kinder- und Jugendjahre in mancher Hinsicht das Klischee „Kind aus bildungsferner Familie mit Migrationshintergrund“. Einerseits sieht sich der Teenager mit Vorurteilen, Beschränktheit und sozialer Ungleichheit konfrontiert, andererseits wächst die daraus resultierende Neugier. Weil er keine Sprache kennt, seine Gefühle auszudrücken, rebelliert er, wird als Störenfried abgestempelt.

Bis eine Lehrerin ihm eine neue Welt eröffnet: die der Literatur. „Ich habe Dostojewski, Diderot, Kafka und andere nach und nach verschlungen. Das kostete viel Energie und war nicht leicht, aber mich hat ihre Unverbindlichkeit, Grenzen zu überschreiten, gleichermaßen fasziniert wie inspiriert.“ Dennoch dauert es Jahre, bis sich Bayraktar, inzwischen Student der Rechtswissenschaften, selbst als Autor versucht. Die positive Resonanz auf erste Veröffentlichungen macht ihm Mut, sich komplett auf das Schreiben zu konzentrieren und das Referendariat an den Nagel zu hängen.

Ganz folgenlos bleibt seine Entscheidung nicht – je tiefer er das Potenzial der Literatur erschließt und sich zu eigen macht, desto weiter entfernt er sich von der Sprache seines Zuhauses. „Ich hatte oft das Gefühl, Außenseiter zu sein, weil ich wortwörtlich wie auch im übertragenen Sinn eine andere Sprache sprach als meine Familie, Gleichaltrige oder auch jene, die ich an der Universität und im Referendariat kennenlernte. Vielleicht war das ein Grund, warum ich oftmals Befremden mir selbst gegenüber verspürte und mich heute noch frage, wer ich eigentlich bin, was mich definiert.“

Bayraktar schreibt Erzählungen, Theaterstücke und Essays; 2018 erscheint der erste Roman. Wie in seinen Werken üblich greift der 29-Jährige auch in „Briefe aus Istanbul“ Themen auf, die ihn umtreiben: Macht und Gewalt, Recht und Gerechtigkeit, Angst und Scham, eingebettet in aktuelle politische Ereignisse. „Meine ‚negativen‘ Schwerpunkte bedeuten nicht, dass ich mich im Leid suhle. Aber ich glaube, dass in der Auseinandersetzung der Schlüssel zur Überwindung liegt.“

Also stellt er Fragen, unbequeme, aufrührerische, die an so mancher Grundfeste rütteln. Die eine, die richtige Antwort gibt es bei der Literatur nicht, aber das ist auch gar nicht Bayraktars Intention: „Indem ich ganz alltägliche Denk- und Handlungsweisen infrage stelle, fordere ich den Leser zur Auseinandersetzung damit auf.“ Sein neuer Roman „Betrogene“, der noch in diesem Jahr erscheinen soll, lässt in dieser Hinsicht erneut Großes erwarten.