Im Buch „Trümmermorde“ dokumentiert der Kriminalist Aufbau und Arbeitsweise der Stuttgarter Polizei nach Stunde 0.

 

 

Dass er einmal als Chef der Schutz- und Kriminalpolizei Stuttgart enden würde, hätte der junge Michael Kühner nie in Erwägung gezogen – zumal es dem puren Zufall geschuldet ist, dass er überhaupt bei der Polizei landete. „Nach einer Lehre als Mechaniker wusste ich, dass das nicht mein Lebens­beruf werden wird.“

In die Phase der Neuorientierung platzt der Tipp eines Bekannten, es doch bei der Polizei zu versuchen. Gesagt, getan. 1967 startet Kühner die Ausbildung, läuft Streife, wechselt zur Sitte, wird stellvertretender Kripochef in Ludwigsburg, wo sich sein weiterer Berufsweg entscheidet. „Ich übernahm bei einem Mordfall in einer Tiefgarage die Leitung und wusste sofort, dass ich meine Profession gefunden hatte.“ Jahre vergehen, in denen sich Kühner mit allen Formen von Gewalt konfrontiert sieht, wenngleich er selbst nie gezwungen ist, auf einen Menschen zu schießen. „Ich habe nie über ‚was wäre wenn’ nachgedacht. In kritischen Situationen tue ich, was notwendig ist.“

Um sich den Respekt vor den Menschen zu bewahren und nicht in einen „Die Welt ist schlecht“-Gauben zu verfallen, arbeitet Kühner ehrenamtlich als Fechtlehrer; darüber hinaus widmet sich der passionierte Hobbyhistoriker der Stadt- und Polizeigeschichte. Die Ergebnisse seiner Recherchen fließen ins Polizeimuseum, dessen Aufbau er nach seiner Pensionierung gemeinsam mit zwei Kollegen initiiert und dessen Ausbau ihn stets auf Trab hält. „Wir haben beispielsweise eine Zelle von 1920 aufgespürt, die wir zur Darstellung historischer Verhältnisse in die Ausstellung integrieren wollen“, begeistert sich der 69-Jährige.

Besonders die Rolle der Polizei in der NS-Zeit im Spannungsfeld zwischen Befehlsgehorsam und Mitläufermentalität einerseits und der eigenen Integrität andererseits fasziniert ihn. Denn „Opportunismus ist auch eine Frage der Möglichkeiten“. Papiere aus dieser Zeit existieren kaum, dafür aber umfangreiches Material aus den Jahren nach dem Zusammenbruch. Mit Durchsicht dieser Unterlagen eröffnen sich Kühner ganz neue Perspektiven: auf eine Stadt, die zerstört am Boden liegt; auf eine Bevölkerung, die um das Überleben kämpft; auf Menschen, die entwurzelt keine Rückkehr zur Normalität finden; auf eine unterbesetzte und unerfahrene Polizei, die verzweifelt versucht, mit begrenzten Mitteln Recht und Ordnung wiederher­zustellen.

In seinem Buch zeichnet der gebürtige Stuttgarter diese Vielschichtigkeit anhand realer Verbrechen nach. Bewusst emotionslos aus Sicht von Polizisten, Tätern und Zeugen erzählt, erlauben die Fallgeschichten einen wertvollen Blick in die Vergangenheit. „Die damaligen Bemühungen, zu einem geordneten und demokratischen Stuttgart zu finden, bilden die Basis unserer heutigen Rechtsstaatlichkeit. Ich wünsche mir, dass der Polizei als Garant für Sicherheit und eines geregelten Zusammenlebens mehr Wertschätzung vonseiten der Öffentlichkeit entgegengebracht würde.“