Mit scharfsinnigen Texten und Sprachvirtuosität bietet der Slam-Poet und Humorist Unterhaltung auf hohem Niveau.

 

 

Neun Jahre ist es her, dass Nektarios Vlachopoulos zum ersten Mal auf der Bühne stand. Er erinnert sich gut an diesen Tag: „Das war bei einem Newcomer-Poetry-Slam im Jugendhaus Stuttgart-Mitte. Ich habe gestottert, die Zeilen verwechselt und so gezittert, dass es sogar noch in der letzten Reihe zu sehen war.“ Er lässt sich nicht entmutigen, tritt auf, wo immer man ihm eine Bühne zur Verfügung stellt, und bekommt irgendwann die ersten kleinen Gagen, die sich mit zunehmendem Bekanntheitsgrad erfreulich summieren. Schließlich gibt seine erste Solo-Show im Januar 2016 den Ausschlag: „Ich bin rausgegangen mit dem Gedanken „Das war toll, das mache ich jetzt öfter.“ Gesagt, getan: Noch im gleichen Jahr wagt er den Sprung und gibt sein sicheres Lehrerdasein zugunsten der brotlosen Künste auf – eine Entscheidung, die Freunde und Familie an seinem Geisteszustand zweifeln ließen. „Ich konnte nicht beiden Professionen gerecht werden. Also habe ich nach jahrelanger Überlegung und vielen Zweifeln mein Hobby zum Beruf gemacht.“

Eine gute Entscheidung, so scheint es. Der 31-Jährige hat seine Nische gefunden, präsentiert sich als Sprachvirtuose, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn. Seine Themen sind aktuell, aber nicht abgegessen; seine Art, sie rüberzubringen, reißt Kritiker zu Lobeshymnen und Jurys zu Preisen hin. Der so Hochgeschätzte bleibt derweil auf dem Teppich: „Natürlich freue ich mich über gute Kritiken, schließlich verdiene ich meine Brötchen damit, das Publikum zu unterhalten. Preise und Auszeichnungen stellen als offizielle Dokumente der Rechtfertigung eine Art Bestätigung dar, dass ich auf dem richtigen Weg bin, doch ein Qualitätsmaßstab sind sie nicht.“ Tatsächlich lägen dem locker klingenden Wortwitz eher harte Arbeit und Erfahrung als Talent zugrunde, behauptet Vlachopoulos, der sich laut eigener Aussage gerade in einem „Umbruch seiner Arbeitsweise“ befindet. „Bisher habe ich meine Texte im stillen Kämmerlein bis ins Detail ausformuliert. Jetzt greife ich ein Thema auf, überlege mir einige Pointen und inszeniere das Ganze spontan.“ Ein Konzept, das viel Selbstsicherheit und Übung voraussetzt, doch der Künstler winkt ab: „Bis zur Routine ist es noch ein weiter Weg.“

Angst, einmal arbeitslos zu werden, weil das Interesse an Poesie gerade bei jüngeren Leuten gegen null tendiert, hat der gebürtige Oberderdinger nicht: „Poesie ist immer und überall präsent, in Songtexten beispielsweise oder eben in Slam-Poetry. Dank der großen Beliebtheit konnte sich das Genre trotz Vorwürfen, dilettantisch und oberflächlich zu sein, seinen Stellenwert sichern, während klassische Dichterlesungen ihre Legitimation eingebüßt haben.“ Dass Letztere im Laufe der Zeit aussterben könnte, um Platz für Neues zu schaffen, beunruhigt den Künstler nicht: „Das ist der Lauf der Dinge. Kultur geht ihren Weg.“

Wer sich in Stuttgart live von Vlachopoulos überzeugen möchte, kann das am 5. Oktober im Renitenztheater, am 15. und 26. November in der Rosenau und am 13. Dezember im Keller Klub tun.