Sechs Wochen behandelt die angehende Internistin ehrenamtlich die indigene Bevölkerung der Philippinen.

 

 

Eigentlich wollte ich Lehrerin werden, aber als meine Schwester sich für diesen Beruf entschied, war diese Idee passé.“ Entspannt lehnt sich Greta Sophie Weiss, Jeans, weißes T-Shirt, ein offenes Lächeln, im Stuhl zurück. Nur der wippende Fuß verrät leichte Nervosität, als sie weitererzählt: „Ich habe es dann halbherzig mit Betriebswirtschaft versucht, bevor die Ausstellung ,Körperwelten‘ den Ausschlag für Medizin gab.“

Studium, praktisches Jahr, derzeit die Facharztausbildung. So weit, so vorhersehbar, bis sie mit dem Plan, sechs Wochen ehrenamtlich die indigenen Ureinwohner auf der philippinischen Insel Mindoro medizinisch zu versorgen, Freunde und Familie verblüfft. „In Deutschland bewegt sich die Medizin auf sehr hohem Niveau. Ich wollte wissen, wie es ist, wenn man nur auf Basics zurückgreifen kann, um zu helfen. Und last but not least reise ich gerne.“

Sie trifft die Entscheidung spontan, aber nicht leichtfertig; dennoch bringt das allgegenwärtige „Traust du dir das zu?“ der Kollegen ihren Entschluss ins Wanken. „Um nicht zu kapitulieren, habe ich etwas gewagt, vor dem ich noch mehr Angst hatte: einen Fallschirmsprung.“ Auf Armut, mangelhafte Hygiene und medizinische Behandlungen, die ohne die Möglichkeit zu Verlaufskontrollen ein Stück weit ins Leere laufen, ist Weiss vorbereitet. Auch auf chirurgische Eingriffe, obwohl sie diese als angehende Internistin ein wenig fürchtet. Was sie schließlich an ihre Grenzen bringt, ist ein Ereignis, dass ihr die Kluft zwischen medizinischer Indikation und einheimischen Sitten und Denkweisen schmerzhaft vor Augen führt.

„Die Mutter eines schwer kranken Kindes verweigerte die Behandlung, die ich für notwendig hielt. Das Kind starb.“ Für Weiss stellt dieser Tod einen Wendepunkt dar, nicht zuletzt, weil sie realisiert, dass auch Akzeptanz gelernt sein will. „Es war die Entscheidung der Mutter, keine Hilfe anzunehmen. Das musste ich hinnehmen.“ Es bleibt nicht die einzige Herausforderung: Medikamentenengpässe, marode Infrastruktur, unzureichende Aufklärung – stets und ständig stößt die 30-Jährige an Grenzen, die ihrem Wunsch, „noch mehr zu helfen“, im Weg stehen.

Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass allen Mängeln zum Trotz viel erreicht wird: „Der Arzt stellt für die Menschen dort einen Anlaufpunkt dar, der sie und ihre Beschwerden ernst nimmt. Dafür sind sie dankbar, egal, wie viel oder wenig man tun kann.“ Zurück in Deutschland lässt das Erlebte Kontraste schärfer hervortreten und löst fast unmerklich ein Umdenken aus. Das Stichwort Hamsterrad fällt. „Ich glaube, ich habe heute ein gesünderes Verhältnis zur Medizin. Das zeigt sich schon daran, dass ich viel relaxter auf das Anspruchsdenken vieler Patienten reagiere“, fasst sie zusammen. Und obwohl der Zeitpunkt für den nächsten Einsatz noch nicht feststeht, steht außer Frage, dass es einen geben wird.