Inhaber und Geschäftsführer des Zirkus Charles Knie im Gespräch. Zirkus gastiert vom 25. Oktober bis 3. November in Böblingen.

 

 

Sascha Melnjak, geboren 1975 in Stuttgart ist seit seiner frühesten Kindheit Zirkusenthusiast durch und durch. Seinen Eltern zuliebe machte er noch Abitur und eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann – danach gab es für den jungen Stuttgarter aber kein Halten mehr. In den folgenden Jahren arbeitete er in verschiedenen administrativen Positionen in vielen renommierten Zirkusunternehmen in ganz Europa. Im Jahr 2007 erfüllte er sich endgültig seinen Kindheitstraum und kaufte den damals noch recht kleinen Zirkus Charles Knie. Diesen baute er in den vergangenen zehn Jahren konsequent zum zweitgrößten in Deutschland reisenden Zirkus aus. Nun kommt der Zirkus Charles Knie in der Zeit vom 25. Oktober bis 3. November nach Böblingen und gastiert auf dem Festplatz „Flugfeld“ inmitten der bekannten Motorworld. Im Gespräch mit dem Stuttgarter Wochenblatt erzählt Sascha Melnjak über die Anforderungen an einen reisenden Zirkus und berichtet über die kleinen und großen Erfolge genauso offen wie über die kleinen und großen Probleme eines reisenden Zirkus im Jahr 2019.

Unterhaltung heißt inzwischen für viele: Hauptsache was mit Bildschirm. Ist das Thema Zirkus heute noch zeitgemäß?

Ich glaube, gerade darin liegt unsere Chance. Wir stellen vermehrt fest, dass unsere Gäste wieder Lust auf authentische Live-Unterhaltung haben. Konservenkonsum ist auf Dauer doch langweilig. Mit vielen Menschen und noch mehr Popcorn gemeinsam etwas Tolles erleben, das hat doch was. Ob Zirkus zeitgemäß ist oder war, kann man gar nicht beantworten bzw. ist auch nicht so wichtig, er ist auf jeden Fall zeitlos und eine letzte Bastion intergenerativer Familienunterhaltung, und darauf kommt es an.

Der Zirkus Charles Knie blickt auf eine lange Tradition zurück. Wie hat er sich über die vielen Jahre behaupten können?

Wie in so vielen Branchen setzt sich auch bei Zir­kusprogrammen Qualität durch. Sie muss das Ergebnis konsequenter Arbeit am Produkt sein. Es gibt nichts Schlimmeres, als Erwartungen nicht zu erfüllen. Und deshalb gilt, die Erwartungshaltung des Publikums einschätzen zu können, um dann umso mehr zu liefern. In aller Bescheidenheit würde ich doch sagen, dass der Zirkus Charles Knie genau dafür bekannt ist. Das führt auch zu einem für ein reisendes Unternehmen eher ungewöhnlichen Effekt: Wir haben Stammkunden, die immer wieder zu uns kommen und somit eine solide Basis für den Erfolg unseres Unternehmens bilden.

Auf was dürfen sich die Besucher in diesem Jahr besonders freuen?

Die aktuelle Produktion ist ja ganz neu und erst seit März auf Tournee. Wir wollten ein Programm der Kontraste, das unserem Publikum in verschiedenen Stunt-Akrobatik-Darbietungen den Atem stocken lässt. In anderen Momenten der Show sollten emotionale und poetische Bilder entstehen. Insgesamt wollten wir eine Show, die einfach Spaß macht, die ein positives, lebensbejahendes Gefühl vermittelt.

Wie sieht der Prozess aus, neue Inhalte für das jeweilige Programm zu gestalten?

Zunächst entsteht auf einer Art Metaebene eine Idee bzw. ein Konzept. Daran sind mehrere Personen beteiligt. Denn neben kreativen Prozessen muss eine Show auch darstellbar und vermittelbar sein. Also sind Presse- und Marketingleute genauso im Boot. Dann steht der Zirkus Charles Knie in all seinen Produktionen immer für eine Grundlinie, die macht den Brand, die Marke aus. Ganz knapp formuliert wollen wir fröhlich und leicht sein, bloß keine schwere Kost, keine Überinszenierung. So etwas führt allzu oft zu einem fatalen Griff in die Kitschkunstkiste.

Sie sind selbst Stuttgarter – empfinden Sie ein besonderes Heimatgefühl, wenn Sie mit dem Zirkus zurück in die Region kommen?

Der Zirkus Charles Knie reist ja bundesweit, und jede Region hat ihren Reiz. Ganz grundsätzlich kann man aber sagen, dass wir gerade in Süddeutschland einen hohen Bekanntheitsgrad haben und unsere Gastspiele hier besonders gut besucht sind. Für mich ganz persönlich ist es natürlich auch toll, von Zeit zu Zeit in den Stuttgarter Raum zurückzukehren. Hier lebt meine Familie, und es bleibt immer auch etwas Zeit, alte Freunde wiederzutreffen.

Könnten Sie sich persönlich überhaupt noch ein Leben abseits vom Zirkus vorstellen?

Eine Frage, die man ganz schnell beantworten kann: Nein! Aber, um einer drohenden Betriebsblindheit und Burn-out vorzubeugen, ist es wichtig, sich Zeit für Dinge zu nehmen, die auch mal bewusst nichts mit Zirkus zu tun haben. Doch um ehrlich zu sein, darin bin ich nicht besonders gut.