Der VfB Stuttgart hat beim 1:0-Sieg über den FC St. Pauli zum Zweitliga-Rückrundenauftakt einen weiteren Schritt Richtung Aufstieg in die Fußball-Bundesliga gemacht. Seinen Anteil daran hatte Stürmer Daniel Ginczek. Der Dauerpatient feierte in Hamburg sein Comeback – mal wieder.

 

 

Für die meisten ambitionierten Kicker – ob Profi oder Amateur – ist eine Einwechslung in der Schlussphase eines Fußball-Spiels wohl nichts Besonderes. Der eine oder andere könnte dabei sogar eher sauer auf seinen Coach sein. Nicht so Daniel Ginczek. Für den Stürmer des VfB Stuttgart sind selbst 20 Einsatzminuten wie beim Rückrundenauftakt gegen den FC St. Pauli (1:0) keine Selbstverständlichkeit mehr. Seit er im Sommer 2014 zu den Roten kam, hat er von 93 möglichen Pflichtspieleinsätzen 64 verpasst. Auf mickrige 37 Minuten bringt es der Dauer­patient in dieser Saison insgesamt. Zu prall gefüllt ist dafür seine Krankenakte.

Noch vor seinem Wechsel vom 1. FC Nürnberg in den Neckarpark riss ihm im Februar 2014 erstmals das Kreuzband. Ende September 2015 erlitt er einen Bandscheibenvorfall, eine Operation war unumgänglich. Im Februar 2016 der nächste Schock: Wieder war das Kreuzband gerissen – wieder Reha, wieder musste er sich mühsam herankämpfen. Das zog sich bis zum Ende der Hinrunde.

„Es ist brutal schwer, wenn du oben auf der Tribüne sitzt“, erinnert Ginczek an seine Leidenszeiten. Aber Aufgeben war trotzdem nie eine Option für ihn. „Da bin ich überhaupt nicht der Typ.“

Stattdessen ackerte Ginczek kürzlich im Winter-Trainingslager in Lagos erneut an einem seiner Comebacks. „Der Trainer sollte wissen, dass ich eine 100-prozentige Alternative bin“, sagt Ginczek, der erstmals seit 2015 wieder eine komplette Vorbereitung durchziehen konnte. Beim Crossfit-Zirkel wuchtete er unter anderem Lkw-Reifen durch die Gegend. Und auch in den Testspielen machte er eine gute Figur, auch wenn ihm noch kein Tor gelang. Beim Comeback gegen St. Pauli erinnerte er nun schon wieder an den Ginczek aus früheren Zeiten, der auf seine Chance lauert und seinen 1,91 Meter großen Athletenkörper einzusetzen weiß. Auch wenn die Dynamik noch etwas fehlt, machte er seine Sache als Joker gut, gewann sogar das entscheidende Kopfball-Duell vor dem 1:0.

„Mit dem Ginnie als zweiten Stürmer hatten wir mehr Durchschlagskraft, das hat uns definitiv zuvor gefehlt“, fand Sturm-Kollege Simon Terodde. „Ich hoffe, er bleibt fit, denn das steigert die Wahrscheinlichkeit, dass wir aufsteigen.“

Trainer Hannes Wolf ist überzeugt, dass der VfB mit einem gesunden Ginczek wahrscheinlich erst gar nicht abgestiegen wäre. Und er geht sogar noch weiter: „Er wäre mit Sicherheit in der deutschen Stürmer-Landschaft Nationalspieler geworden.“ Jetzt ist er erst mal glücklich, dass Ginczek wieder voll belastbar und einsatzbereit ist. Das stellt den Coach aber nun vor ein kleines Luxusproblem. Mit Terodde hat er eigentlich schon einen starken Torjäger vorn drin, der seine Qualität mit elf Saisontreffern längst nachgewiesen hat.

Soll zukünftig nur einer von beiden spielen? Oder beide zusammen? Wolf sagt: „Es ist alles möglich.“ Er stellt aber sofort klar: „Die beiden sind keine Konkurrenten.“ Und das wissen auch beide. Sie schätzen sich gegenseitig sehr, weiß Wolf. „Wenn wir das Gefühl haben, dass es sinnvoll ist, mit beiden zu spielen, dann werden wir das auch tun, das ist überhaupt nicht ausgeschlossen.“ Gegen St. Pauli konnte man schon eine Ahnung davon bekommen, wie das aus­sehen könnte.

Trotzdem wird Wolf als Sturmspitze Nummer eins wohl vorerst weiter auf Terodde setzen. „Ich bin noch nicht bei 100 Prozent, das wird noch einige Spiele dauern“, sagt der Rückkehrer selbst. Die VfB-Fans werden hoffen, dass Ginczek seinen Rückstand schnell aufholt. Denn in Bestform steigert er mit seinen klassischen Knipser-Qualitäten die Aussicht auf die direkte Rückkehr in die Bundesliga.