Als erste Frau aus dem deutschsprachigen Raum trägt die Weinexpertin den Titel Master Sommelier.

 

 

Jeder Tag ein Achtstundentag im Büro? Angefüllt mit ewig gleichen Aufgaben? Helga Schroeder schüttelt vehement den Kopf: „Nichts für mich. Ich will die Welt in all ihrer Vielfalt sehen, schmecken und erleben, privat wie beruflich.“ Die geborene Reutlingerin ist ein Freigeist, mag sich weder in wirtschaftlicher noch in gesellschaftlicher Hinsicht in Schubladen pressen lassen. Als Kind träumt sie davon, als Reporterin aus fremden Ländern zu berichten; in der Realität führt sie ihr beruflicher Weg ins Hotelbusiness, dem ebenfalls das Weite-Welt-Flair anhaftet.

Der Ausbildung zur Hotelfachfrau schließt sich ein Tourismuswirtschaftsstudium an – es ist der klassisch-bewährte Weg, doch für Schroeder ist es der falsche. Sie zieht es zurück in die Gastronomie, allerdings als Sommelier. „Wein stellt eines unserer wesentlichsten Kulturgüter dar. Mich fasziniert, dass die Liebe zum Wein wie eine Brücke ist, die Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Mentalität miteinander verbindet.“

Es folgen Stationen im Weinhandel, in der Restaurantleitung, als Ausbilderin im In- und Ausland. Irgendwann reicht es ihr. „Mein Leben verlief zu komfortabel. Ich fühlte mich unterfordert, also habe ich mir eine neue Herausforderung gesucht.“ Statt die Rat­schläge wohlmeinender Freunde und Verwandter anzunehmen, das Erreichte wertzuschätzen, beschließt die heute 45-Jährige, ihre Passion für Rebensaft quasi zu adeln.

„Die Durchfallquote bei der extrem anspruchs­vollen Prüfung zum Master Sommelier liegt bei 96 Prozent. Das schreckte mich nicht. Im Gegenteil: Ich freute mich auf die Herausforderung.“ Sieben Jahre arbeitet Schroeder beharrlich auf ihr Ziel hin, allen Einschränkungen zum Trotz. Ein langer, oft steiniger Weg, sagt sie heute, der, vom Verständnis des Lebenspartners mal ganz abgesehen, Durchhaltevermögen und Disziplin, Selbstvertrauen und eine fast bedingungslose Hingabe voraussetzt. Aber auch eine äußerst lehrreiche Zeit in mehr als einer Hinsicht: „Man erfährt viel über sich selbst, über den Umgang mit Misserfolgen oder wie man mit Stress und Anspannung klarkommt. Ich habe beispielsweise angefangen, Marathon zu laufen, um einen Ausgleich zum Lernen zu schaffen.“

Letztlich zahlt sich ihr unbedingter Erfolgswille aus: Als erste Frau aus dem gesamten deutschsprachigen Raum darf sie sich zu der kleinen Elite von 269 Master Sommeliers weltweit zählen. „Natürlich fühlte ich mich stolz und sehr erleichtert, als ich die Prüfung bestanden hatte“, verrät die Weinkennerin und fügt mit einem halben Lächeln hinzu, dass die Frage ‚Und nun?‘ trotzdem nicht lange auf sich warten ließ. Eine Antwort hat sie schon: „Momentan eruiere ich neue Betätigungsfelder und baue mein Netzwerk aus. Gerne würde ich beispielsweise beitragen, Baden-Württemberger Weine verstärkt im Ausland zu präsentieren und umgekehrt mehr Internationalität ins Ländle zu bringen.“