Mehr als 100 Bürger machten am Donnerstag ihrem Ärger Luft - trotz eisiger Temperaturen sind sie dem Aufruf der Stadtbezirks-Initiative Vaihingen Ökologisch Sozial (VÖS) zur Demonstration „Vaihingen stoppt die Allianz-Pläne“ gefolgt. Prominente Unterstützung aus dem Rathaus gab es bei der Abschlusskundgebung am Allianzgelände.

 

 

Fotostrecke 4 Fotos

Sein Blick ist entschieden, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, die Handschuhe halten seine Hände warm. In der einen hält er einen Holzstab, daran festgemacht ist ein Transparent: „Stoppt die Allianz-Pläne! Keine Bürostadt auf Sportplätzen und Grünflächen in Vaihingen“, ist darauf zu lesen. Der ältere Herr, der den Demonstrationszug anführt ist Ulrich Stolz. Er lebt seit 22 Jahren in Vaihingen und ist empört über die Pläne der Allianz, die mit ihrem neuen Bürokomplex 4000 neue Arbeitsplätze schaffen will: „Das gibt ein Chaos und der Verkehr wird eine noch größere Katastrophe“, ist er überzeugt.

Dazu komme, dass auch Daimler mit seiner Ansiedlung weitere 4000 Arbeitsplätze nach Vaihingen bringen werde. „Da kann man sich doch kein vernünftiges Verkehrskonzept ausdenken“, verdeutlicht Stolz, der bereits bei der zweiten VÖS-Demo dabei ist.

Im Widerstand kennt er sich aus: Wenn er es einrichten kann, läuft er seit sieben Jahren jeden Montag bei den Demos gegen Stuttgart 21 mit.

Ihre erste Demo hingegen erlebte Hannelore Lamneck aus Rohr gemeinsam mit Erich Hinkelmann aus Vaihingen: „Wir laufen hier mit, weil wir dahinter stehen! Auf dem Gelände des Sportvereins soll keine Bürostadt gebaut werden.“ Sehr gespannt sei sie, was Hannes Rockenbauch, später bei der Abschlusskundgebung sagen werde: „Er ist ein ziemlich helles Köpfchen“. Stadtrat Rockenbauch kam gemeinsam mit Luigi Pantisano um die Demonstranten zu unterstützen, beide gehören der Fraktions­gemeinschaft SÖS-Linke-Plus an. Sie sind die einzige Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat, die gegen die Pläne der Allianz gestimmt hat.

Rockenbauch versicherte den Teilnehmern: „Sie kämpfen hier oben nicht alleine und auch nicht nur für sich - sondern für eine Entwicklung, die wir in ganz Stuttgart beobachten.“ Stuttgart sei eine einzige Baustelle, versinke in Stau und Feinstaub und sei ein „Investorenparadies“. Er sei glücklich darüber, das die Menschen auf die Straße gehen und sich gegen die Pläne stellen: „Lassen sie sich nicht einreden, dass sie spinnerte Wutbürger wären - sie kämpfen zu Recht für Ihre Interessen“, betonte er. Dabei dürfe man allerdings nicht versäumen, auch glaubhafte Alternativen aufzuzeigen. „Dann kann ich konkret für Sie im Gemeinderat kämpfen“, versprach Rockenbauch.

Bevor der Stadtrat auf das Podest trat, sprach auch SÖS-Bezirksbeirat und VÖS-Sprecher Gerhard Wick zu den Demonstranten: „Vaihingen hat derzeit 40.000 Einwohner und 60.000 Arbeitsplätze - die Stadt wird zwar mit den Ansiedlungen einmal ihre Einnahmen erhöhen, doch die Ausgaben für die Folgeschäden werden diese weit übersteigen“, mahnte er. Wer profitiere sei allein die Allianz, die mit der Ansiedlung einen Immobiliengewinn von 20 bis 30 Millionen Euro einheimsen würde, so die Auffassung Wicks. „Sauerei!“, tönt es aus der Menge, „Pfui“-Rufe folgen - auch jedes Mal wenn vom „grünen OB“ und von Bürgermeister Peter Pätzold die Rede ist. Die Vaihinger sind richtig sauer, das hört man auch von Manfred Kluge, der für die Anwohner der Liebknechtstraße spricht und dort seit 46 Jahren wohnt - ihre Wohnungen sind durch die Ansiedlung der Allianz bedroht.

„Das wird ein Fiasko, wir sind zu einer gut funktionierenden Mietergemeinschaft zusammengewachsen - das soll alles vorbei sein, weil die Politik versagt?“ Die größte Schuld gibt er OB Fritz Kuhn: „Welcher Teufel muss ihn geritten haben - im Wahlkampf warb er mit dem Slogan ‚Für Stuttgart bauen, nicht für Investoren‘ - jetzt macht er das Gegenteil.“ Sein Appell an die Verantwortlichen: „Stoppt die Allianz-Pläne!“ Der Applaus der Demonstranten war ihm sicher.