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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 22.07.2010

Micmacs - Uns gehört Paris!

Zu schön, um wahr zu sein

Jean-Pierre Jeunet huldigt in einer skurrilen Verschwörungsgeschichte der Magie des Kinos
 

Als Junge verliert Bazil (Dany Boon) seinen Vater, als der im Kriegsgebiet Nordafrika eine Landmine unschädlich machen will. 20 Jahre später wird Bazil selbst bei einer Schießerei durch einen Querschläger im Kopf erwischt. Er überlebt, doch die Kugel kann nicht entfernt werden. Bazil landet als Obdachloser auf der Straße und findet Unterschlupf bei Außenseitern, die in einer selbst gebauten Höhle aus Sperrmüll hausen. Dort fasst er einen genialen Plan: Er will den beiden Waffenkonzernen eine Lektion erteilen, deren Mine seinen Vater tötete und deren Kugel in seinem Kopf verweilt.

Die Filme des französischen Regisseurs Jean-Pierre Jeunet haben das Kino stets bereichert. Seit "Delicatessen" und "Die fabelhafte Welt der Amélie" ist sein Name Synonym für faszinierende Bilder und skurrile Geschichten. Wie in all seinen Filmen konzentriert sich Jeunet auch dieses Mal nicht nur auf die äußere Handlung, sondern wartet mit einem ganzen Arsenal von gewitzten kleinen Nebengeschichten auf. Wenn sein Protagonist nachdenkt, so lässt er das Publikum optisch an dessen Gedanken teilhaben - besonders schön bei einem Fußballspiel unter erschwerten Bedingungen, nämlich auf einem Minenfeld.

Die ganz besondere Farbgebung der Bilder (Kamera: Tetsuo Nagata) löst den Film aus seinem Zeitgefüge heraus und verleiht ihm einen märchenhaften Charakter. Obgleich in der Gegenwart angesiedelt, entfalten diese Bilder dadurch einen Hauch von Nostalgie, unterstützt von einem Klavier, das wirkt, als würde es im Moment live eingespielt wie zu Stummfilmzeiten. Märchenhafte Züge trägt nicht zuletzt auch Jeunets ausgezeichnetes Darstellerensemble. Das bizarre Häufchen von Gestrandeten hat Ecken und Kanten, lange Nasen, großen Ohren und könnte mit seiner Gestik und Mimik ebenfalls direkt einem Stummfilm entsprungen sein.

Und das ist nur eine von vielen Huldigungen an die Magie des Kinos, mit denen Jeunet seinen Film ausstaffiert. So lässt er nicht nur Bazil ganze Dialoge von alten Bogart-Filmen auswendig mitsprechen, sondern unterlegt auch gleich viele Passagen seines Films mit jener Originalmusik, die Max Steiner in den 1940er Jahren für die Filme der "Schwarzen Serie" komponiert hat. Auch die kleine tapfere Mannschaft, die es mit den Waffenkonzernen aufnimmt und in der jeder Einzelne eine ganz besondere Fertigkeit besitzt, weckt - und das nicht zufällig - Erinnerungen an eine großartige TV-Serie: "Mission Impossible". "Micmacs" ist wahre Kinomagie, die man sich sofort noch einmal anschauen möchte. Mit einem Ende zum Weinen schön - aber zu schön, um wahr zu sein.
 

Wolfram Hannemann

22.07.2010 - aktualisiert: 22.07.2010 11:27 Uhr

 


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