Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 22.07.2010
Men on the Bridge
Kleine Männer im Stau
Die Bosporusbrücke verbindet den asiatischen und den europäischen Teil Istanbuls, jenseits aller Mythen ist sie ein Ort permanent zähfließender Automassen. Im Stau auf der Brücke stehen regelmäßig drei Männer, der Taxifahrer Umut, der Rosenverkäufer Fikret und der Verkehrspolizist Murat. Alle drei stehen auch sonst in ihrem Leben im Stau: Umut kann mit seinen bescheidenen Einnahmen seiner Freundin nicht annähernd den Lebensstandard bieten, den diese erwartet; der junge Slumbewohner Fikret sucht einen besseren Job, hat ohne Ausbildung aber kaum eine Chance; ebenso vergeblich sucht der schüchterne Murat eine Freundin, chattet nächtelang im Internet, doch holt sich bei jedem Treffen einen Korb.
Asil Özges Film ist ein Zwitter aus Dokumentar- und Spielfilm, die Regisseurin ließ die Figuren, die sie zu einem Drehbuch inspirierten, sich als Laien selbst spielen. Interessant ist dies etwa, wenn anhand der Reaktionen auf ein PKK-Attentat oder das Brimborium des Nationalfeiertags deutlich wird, wie erschreckend simpel die Mechanismen von aggressivem Nationalismus und Militarismus in einer latent paranoiden Gesellschaft funktionieren. Meist jedoch dümpelt der Film eher ziellos vor sich hin und scheint kaum mehr als diese vage Aussage zu transportieren: Der kleine Mann auf der Straße hat"s auch in Istanbul nicht leicht. Etwas mehr inhaltliche Zuspitzung hätte gutgetan.
Oliver Stenzel
22.07.2010 - aktualisiert: 22.07.2010 11:36 Uhr