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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 09.09.2010

Bal - Honig

Der Regisseur selbst ist nun der Dichter

Der letzte Teil einer Heimat-Trilogie: Semih Kaplanoglu zelebriert in einem Film von der türkischen Schwarzmeerküste die Langsamkeit
 

So also beginnt die Geschichte von Yusuf, dem der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu drei Filme gewidmet hat - und zugleich endet die Trilogie, denn er erzählt gegen den Lauf der Zeit. In "Yumurta" in "Yum ("Ei", 2007) kehrte Yusuf als 40-jähriger Dichter nach langer Zeit zur Beerdigung seiner Mutter aufs Dorf zurück und kämpfte mit seinem schlechten Gewissen, in "Süt" ("Milch", 2008) war Yusuf als 20-jähriger, noch erfolgloser Lyriker in der Stadt zu sehen, der mit seiner Mutter haderte wegen einer Affäre. In "Bal" nun ist Yusuf ein Grundschulkind, und doch handelt auch dieser Film von einem Poeten: dem Regisseur selbst.

Kaplanoglu zeigt Menschen an bewaldeten Hängen am Schwarzmeer, die mit der wilden Natur ihrer regenreichen Heimat ringen - eine Art grüne Hölle, in der sich nur schwer ein Auskommen finden lässt. Deshalb setzen einige Bauern auf Honig und steigen hinauf zu den hoch in riesigen Bäumen hängenden wilden Bienenstöcken. So wie Yusufs Vater, zu dem der Kleine eine sehr innige Beziehung hat. Die steht im Zentrum des Films, und als der Vater alleine loszieht, in der Ferne Honig zu beschaffen, beginnt ein langes, banges Warten. Zu seiner Mutter hat Yusuf ein beinahe indifferentes Verhältnis, und in der Schule treibt ihn die Sehnsucht nach Anerkennung um.

Kaplanoglus Film ist ein Bildergedicht, das in sich ruht wie ein meditativ fließendes Gemälde. Er gönnt seinen Figuren, was sich kaum ein Film leistet: Echtzeit.

Er zelebriert die Langsamkeit, beobachtet still seine Protagonisten bei ihren alltäglichen Verrichtungen mit einfachsten mechanischen Gerätschaften - ein radikaler Gegenentwurf zu den rasanten Bildfolgen der medialen Gegenwart. Der größte Trumpf des Regisseurs ist sein achtjähriger Hauptdarsteller Bora Altas, ein putziger, pfiffiger Kerl, dem man gerne zuschaut, auch wenn nicht viel passiert, weil er alle Herzen rührt - zur Pressekonferenz bei der diesjährigen Berlinale, wo der Film den Goldenen Bären holte, brachte er seinen Teddy mit. Kaplanoglu sagte dort: "Ich hoffe, dieser Preis trägt dazu bei, die unberührte Natur am Drehort zu erhalten, denn dort sollen Kraftwerke gebaut werden." Im Film ist davon nichts zu sehen, allein ein rätselhaftes Bienensterben dient als Hinweis darauf, dass die Natur auch hier nicht mehr so intakt ist, wie sie scheint.

Uns Mitteleuropäer, die wir auf schnelle Schnitte und permanente Abwechslung getrimmt sind, stellt Kaplanoglu auf die Geduldsprobe: Er fordert uns heraus, unsere Sehgewohnheiten zu überdenken und überhaupt die Geschwindigkeit, mit der wir durchs Leben hasten, jedes Gefühl verlierend für die Zeit, den Moment, das Detail.
 

Bernd Haasis

09.09.2010 - aktualisiert: 09.09.2010 10:25 Uhr

 


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