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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 09.09.2010

Rückkehr ans Meer

Liebeserklärung ans irrationale Leben

François Ozon erzählt in einem weiteren kleinen Film vom großen Zwischenmenschlichen
 

Filme über Menschen, die in französischen Landhäusern persönliche Dramen durchleben, sind fast schon ein eigenes Genre. François Ozon ("8 Frauen"), der sich nicht durch Geld und Ruhm locken lässt und weiter kleine Filme übers große Zwischenmenschliche macht, erzählt in "Rückkehr ans Meer" eine besonders intime Geschichte - erfüllt von Themen, die man in dieser Ballung sonst eher in deutschen TV-Dramen findet: harte Drogen, Schwangerschaft zur Unzeit, Homosexualität. Ozon freilich gelingt es, Betroffenheitsreflexe und Klischees elegant zu umschiffen.

Er beginnt mit einem Paukenschlag: Ein Junky-Paar im Endstadium der Sucht vegetiert in einer verwahrlosten Pariser Wohnung vor sich hin, wartet auf den Dealer, setzt sich endlich zitternd die erlösenden Schüsse - mit schlechtem Stoff, der Louis prompt ins Jenseits befördert. Seine Freundin Mousse wacht im Krankenhaus auf und erfährt dort zu allem Überfluss, dass sie auch noch schwanger ist. Louis" Familie drängt auf Abtreibung, doch sie will das Baby und flieht in ein Landhaus am Meer.

Vor Küstenkulisse streichelt Ozons Blick immer wieder liebevoll den Kugelbauch von Isabelle Carré, die während der Dreharbeiten tatsächlich schwanger war. Sie trägt den Film nahezu im Alleingang: Aus der Drogenhölle zurück ins Leben befördert, offenbart sich die anmutige Mousse als strahlende wie streitbare junge Rebellin, die sich tapfer Methadonfläschchen besorgt und sich von niemandem etwas gefallen lässt. Entsprechend schwer fällt es Louis" schwulem Bruder Paul, der unverhofft im Landhaus auftaucht, das Vertrauen der Widerborstigen zu gewinnen.

Bald fühlen sie sich zueinander hingezogen, ohne dass dabei irgendeine Aussicht auf Erfüllung bestünde, und Ozon arbeitet mit feinsten atmosphärischen Störungen, wenn er unausgesprochene Konflikte auflaufen lässt. Sein Film ist eine Liebeserklärung ans irrational strukturierte, nicht planbare Leben. Dass er dieses sehr nüchtern betrachtet, ist ihm hoch anzurechnen - denn er kommt ohne den sentimentalem Kitsch aus, der Menschen im Landhaus in so vielen anderen Produktionen widerfährt.
 

Bernd Haasis

09.09.2010 - aktualisiert: 09.09.2010 10:27 Uhr

 


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