Getestet und für sehr gut befunden: die Suite 212
Zwei Kölner sind begeistert von der Theodor-Heuss-Straße
Das Stuttgarter Nachtleben gehört zum Jüngsten, was die Republik zu bieten hat, sagen Olaf Wittrock und David Selbach. Seit drei Jahren testen sie für ein Hochschulmagazin die Ausgehmeilen deutscher Städte. Nun haben sie sich die Theodor-Heuss-Straße vorgenommen.
Wir geben es ja zu: Köln ist für uns der Nabel der Welt. Jede Stadt, die wir besuchen, messen wir am Dom-Standard. Das Flower-Power in Leipzig zum Beispiel hält fast mit unserem Roxy mit. Da lief um fünf nämlich Bap. Auf der Bremer Retorten-Weserpromenade Schlachte dagegen - mit Kettenmexikaner und Becks-Lounge - riecht es uns zu streng: nach Düsseldorf. Nun also Stuttgart. An der Theodor-Heuss-Straße entdecken wir ein kleines Wirtschaftswunder. Tatsächlich haben ein paar junge Schwaben aus dem schäbigen Hauptverkehrsweg mit Mittelstreifen, S-Bahn und Betonkästen eine veritable Ausgehmeile geschaffen. So was haben wir woanders noch nicht gesehen. Nicht mal in der geliebten Vaterstadt.
Tearoom, Barcode und Suite 212: so heißen keine Kneipen der Achtziger und Neunziger. So macht man Läden im neuen Jahrtausend. Nur dass in anderen westdeutschen Großstädten dafür kein Platz mehr ist. Bestenfalls spürte man es in Ostberliner Szenevierteln, wo die improvisierten Kellerbars inzwischen jedoch Milchkaffeeketten und Edelitalienern weichen mussten. Ausgerechnet im Schwabenland wird derweil munter weiterexperimentiert.
Im Tearoom, so hören wir vom Wirt, stellte früher das Kunsthandwerk Baden-Württemberg aus. Peter Stellwag mauerte eine Theke in die Mitte, baute aus Leichtbetonsteinen Salontische, stellte rundum Kinobänke hin. Auf den Absatz in der Ecke lädt der Neo-Kneipier moderne Elektromusiker. Mit dem Konzept könnte Stellwag in vielen deutschen Universitätsstädten blind einen Treffer landen, einfach, weil Gleichartiges in der Mainzer, Passauer oder Mannheimer City fehlt. In der Theodor-Heuss-Straße ist die Konkurrenz größer. Gleich nebenan zum Beispiel, im Barcode: auch hier stand lange ein Geschäft leer, bis die neuen Mieter es mit Ledergarnitur, Glasobjekten und einer gelben Leuchttheke wieder belebten. Was man hier mal kaufen konnte, weiß der Pächter nicht mehr. Jetzt bietet er schicke Cocktails, frische Lilien, altes Holz und neueste Klänge.
Und es wird noch besser. Am Rotebühlplatz geht das Wirtschaftswunder weiter: Zum Mos Eisley fällt uns in Köln ebenfalls nichts ein, pastellfarben, warm und sanft wie es hier ist. In Münster, Oberhausen, Düsseldorf und Köln, so scheint es uns, werden bestenfalls mal Industriebrachen entseucht und zum In-Viertel erklärt. Das Stuttgarter Nachtleben wächst ohne Bebauungsplan. Da entrümpeln findige Jungunternehmer einen alten Kinosaal und machen das Colibri zum Wochenendklub. Die Einraumwohnung über dem Vegi Voodoo King in der Steinstraße wird flugs mit Bierkühlschrank und Plattenteller zur Kultadresse - und heißt ganz frech nach der Etage: 1. Stock.
Die Macher des Travellers’ Club trauten sich sogar mitten in die Fußgängerzone und gossen die ehemalige Ulla-Popken-Boutique, wo vorher ‚‚junge Mode ab Größe 42’’ im Schaufenster ausgebreitet war, mit Kunstharz aus. Sie nennen sich jetzt Schocken, so wie das einstige bekannte Stuttgarter Kaufhaus. In Berlin sehen die Läden vielleicht genauso aus, aber im Ländle stehen auch die Leute an der Theke, die manch ein Hauptstadtklub wohl gerne hätte. Das ist dann mal so ähnlich wie in Köln.
Aber kommen wir zum Höhepunkt: der berühmten Suite 212. Von der Bar mit den zwölf Fernsehern, dem schwarz lackierten Tresen und den drei Glasfronten waren wir hellauf begeistert. Umso enttäuschender dann der Eintrag im neuesten Marco-Polo-Stadtführer, der wenig später ins Büro flatterte: Da ist doch tatsächlich die Rede von der ‚‚außergewöhnlichen Architektur’’, die den Eindruck vermittele, ‚‚in New York zu sein’’. Wahrscheinlich meinte man Manhattan. Wir finden, die Stuttgarter könnten selbstbewusster mit ihrem Szenle umgehen. Eine Suite gibt es nicht in New York. Die gibt’s ja nicht einmal in Köln.
Olaf Wittrock und David Selbach, StZ vom 27.02.2004
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01.03.2004 - aktualisiert: 27.11.2007 10:52 Uhr