Busbahnhof
Uhren erzählen Geschichten
Aspekte der Uhr im Alltag der Menschen
Melanie Axter
GABLENBERG
"Die Ausstellung ist keine Technik-Geschichte der Uhr", so der Kulturwissenschaftler Dr. Ralph Winkle, der zusammen mit dem Historiker Ulrich Gohl die aktuelle Ausstellung "Uhrengeschichten" zusammengestellt hat. Die beiden Ausstellungsmacher wollen vielmehr eine Alltagsgeschichte der Uhr erzählen. So war etwa mit dem Aufkommen der Eisenbahn eine landesweit verbindliche Zeit erforderlich. "1893 wurde die Zeit im Reichs-Gesetzblatt von Freiburg bis Königsberg festgelegt", meint Ulrich Gohl. Die ausschlaggebende Uhr war nun nicht mehr die auf dem Kirchturm, sondern die am Bahnhof. Damit verlor die Kirche ihr langwährendes Monopol auf die Zeit. Im Zusammenhang mit der Uhr spielt auch der Aberglaube eine Rolle. Einzelne Beispiele hierfür finden sich auf einer Texttafel. So habe man die Hauptuhr in einem Haus während der Beisetzung eines Angehörigen ausgeschaltet. Eine der Vitrinen zeigt unterschiedliche Sanduhren. Sie symbolisieren auch das Zerrinnen der Lebenszeit.
"Die Sanduhr ist in der Zeit der Pestepidemien aufgekommen", erklärt Ralph Winkle. Sanduhr und Todeserfahrung lagen zu dieser Zeit eng beieinander. Auch der Geschichte der Schwarzwalduhren hat man sich gewidmet. Diese "Uhrengeschichte" ist ein erstaunliches Stück Wirtschaftsgeschichte, entstand doch die heute als typisch geltende Kuckucksuhr als Reaktion auf die billig produzierten Schwarzwalduhren aus den USA. Es war der Architekturprofessor Friedrich Eisenlohr, der 1840 in einem Wettbewerb eine Kuckucksuhr mit dem Bahnwärterhäusle der badischen Staatsbahn entwarf. Sie eroberte der südwestdeutschen Uhrenindustrie den Markt zurück. Um 1900 wird die Taschenuhr zunehmend von der Armbunduhr verdrängt. Immer mehr Frauen tragen sie als Schmuck. Für Männer gilt dies zunächst noch als weibisch. Doch während des Ersten Weltkriegs werden für Soldaten Armbanduhren mit kriegerischen Markennamen produziert und Armbanduhren setzen sich auch bei den Männern durch.
"Man rauchte keine Zigarren mehr, sondern Zigaretten, man trug keine Taschenuhr mehr, sondern eine Armbanduhr. Alles wurde schnelllebiger", meint Ralph Winkle.
Weitere Uhrensammlungen bilden thematische Gruppen. Auch ältere Stechuhren aus dem Stadtteil sind in Muse-o ausgestellt. Sie dokumentieren die Kontrolle und Disziplinierung der Arbeiter und Angestellten im Industriezeitalter.
23.12.2009 - aktualisiert: 23.12.2009 07:01 Uhr