"Ich möchte meine Ausbildung durchziehen"
Sonja Börs ergreift Chance, ihr Leben zu ändern (Serie, Teil 1)
STÖCKACH
Als Kind und Jugendliche empfindet Sonja Börs die Verhältnisse, in denen sie aufwächst, als ungerecht. Die Eltern benachteiligen sie gegenüber den Geschwistern. "Ich musste die Gullis leeren, draußen kehren, wurde gehänselt", erzählt sie. "Ich wollte von Anfang an ins Heim", war ihre bittere Konsequenz.
Immer wieder läuft sie von zu Hause weg. Drei Monate lang lebt sie auf der Straße, schließt sich der Punk-Szene an, wird von den Eltern wieder geholt, haut erneut ab. Sie lernt Plätze kennen, wo man nachts im Freien schläft: hinterm Hallenbad, unter der Brücke. Und sie beginnt, zu viel Alkohol zu trinken. Eines Tages macht es bei ihr Klick. Sie stellt das Alkoholtrinken ein.
Von heute auf morgen. Mit fast 16 kommt sie ins Heim. "Am Anfang war es ganz schlimm für mich. Ein halbes Jahr ging alles gut, dann bin ich wieder abgehauen", erzählt sie. In all dem Durcheinander besteht Sonja Börs ihren Hauptschulabschluss. Mit Gelegenheitsjobs hält sie sich anschließend über Wasser. Sie hat ihre eigene Wohnung. In der Arbeit im Großhandelsmarkt wird sie gelobt. Dennoch schmeißt Sonja Börs nach einem halben Jahr alles hin.
Warum, kann sie selbst nicht so recht sagen. Vielleicht wegen ihrer Depressionen. Sie wird im Bürgerhospital behandelt. Allmählich stabilisiert sich die junge Frau.
Sie kommt in einer betreuten Wohngruppe der Evangelischen Gesellschaft unter und beginnt eine Verhaltenstherapie. Als Ein-Euro-Jobberin findet sie Beschäftigung im Kinderkaufhaus Zorella, das dem Frauenunternehmen Zora angehört. Im Herbst 2009 beginnt sie dort eine zweijährige Ausbildung zur Textilverkäuferin. "Meine Depressionen hab ich besser im Griff", meint sie. Sie geht gerne ins Zorella, hat Lust an der Arbeit, lebt mittlerweile mit ihrem Freund zusammen.
"Was mich wundert, mir macht die Schule Spaß. Früher war vor der Schule immer so eine Art Mauer", sagt sie. Sonja Börs hat an Selbstbewusstsein gewonnen. Im Frauenunternehmen Zora fühlt sie sich wohl. "Die sind sehr verständnisvoll". Ihre Arbeit ist abwechslungsreich.
Im Verkauf lerne sie, auf Leute zuzugehen. Zu ihren Schulfächern zählen Betriebswirtschaft, Ladengestaltung, Kundenberatung, Steuer- und Kontrolle (Mathematik), Materialkunde. Nach ihren Wünschen befragt, antwortet sie: "Dass ich die Ausbildung durchzieh und dass ich nicht mehr so hektisch bin". Wenn alles klappt, möchte sie ein Jahr anhängen und ihren Abschluss als Einzelhandelskauffrau machen.
21.01.2010 - aktualisiert: 21.01.2010 15:30 Uhr