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Kleine Rückfälle sind kein Untergang

Karin Ait Atmane

Weg von der Zigarette - "Rauchen ist eine echte Sucht"
 

Wer einmal zur Zigarette griff, hat zu einem Drittel das Risiko, Raucher zu bleiben. Diese Zahl nennt Diplom-Psychologe Mathias Heinicke, der in seiner Praxis in Münster Raucherentwöhnung anbietet und die Nöte der Raucher gut kennt. Unsere Mitarbeiterin Karin Ait Atmane hat ihn dazu befragt.

MÜNSTER

Herr Heinicke, wie sieht Ihr typischer Kursteilnehmer aus?

"Den" typischen Teilnehmer gibt es nicht. Die Teilnehmer kommen aus allen Altersgruppen und meist entsteht die Motivation für den Rauchverzicht aus gesundheitlichen Gründen. Sei es, dass eine eigene Erkrankung auftritt, Nachwuchs unterwegs ist oder dass Kinder da sind, die Allergien oder Asthma haben.

Wie erleben sie Raucher in Entwöhnung?

Die häufigsten Symptome sind Unruhe und Gereiztheit. Diese klassische Entzugssymptomatik ist bei der Hälfte aller Raucher entwickelt und tritt ab ungefähr fünf Zigaretten am Tag auf. Man weiß aber nicht vorher, wen es trifft.

Liegt das am Suchtstoff Nikotin?

Nach 24 Stunden, auf jeden Fall nach zwei bis drei Tagen, ist im Körper das Nikotin abgebaut. Nikotin betrifft nur die körperliche Abhängigkeit. Dazu kommt aber der psychische Entzug. Rauchen ist schon eine vollwertige Sucht, der innere Druck ist ähnlich hoch wie bei harten Drogen - ich würde sogar fast sagen, das Aufhören braucht genau so viel Kraft.

Wie kann man mit der psychischen Abhängigkeit umgehen?

Die Zigarette hat verschiedene Funktionen: mich abzulenken, mich zu beruhigen, mich zu belohnen. Wer vom Rauchen loskommen will, muss das für sich selbst analysieren und ersetzen. Unsere Raucherentwöhnungskurse unterstützten die Leute dabei.

Wie lange braucht das?

Wir haben zwei Grundsysteme in den Seminaren. Entweder sieben Termine innerhalb von sechs Wochen - es hat sich aber gezeigt, dass es schwer ist, die Leute so lange bei der Stange zu halten. Alternativ dazu gibt es die komprimierte Variante mit drei Terminen. In dieser Zeit setzen wir meist auf die "Stopp-Punkt-Methode", die sich als deutlich wirksamer erwiesen hat. Möglich ist aber auch die Reduktionsmethode, das heißt, ich lege Zeitpunkte fest, um jeweils den Konsum zu reduzieren.

Wie sind die Erfolgsquoten?

Allgemein gibt es da ganz unterschiedliche Zahlen. Aus meiner eigenen Praxis kann ich sagen, dass man die Rückfälle noch an einer Hand abzählen kann. Das liegt an dem sehr engen Kontakt mit den Klienten, auch noch per Telefon nachträglich.

Was tun bei einem Rückfall - ist dann alles umsonst gewesen?

Nein, auf gar keinen Fall. Wir geben allen einen Notfallplan an die Hand, für den Rückfall. Dazu gehört: Möglichst die Zigarette nicht ganz zu Ende rauchen - oft ist das Bedürfnis nach einigen Sekunden schon vorbei. Der Moment, in dem sie die Zigarette wieder ausmachen, ist für die Kursteilnehmer der neue Stopp-Punkt. Der Gedanke, dass man jetzt wieder auf Null zurückgeworfen ist, ist der häufigste Fehlgedanke. Besser ist, auf das aufzubauen, was ich schon geschafft und geleistet habe, da weiter zu machen.

Unsere Teilnehmer stärken sich auch gegenseitig. Wenn jemand spürt, die Lust wird übermächtig, kann er zum Handy greifen und einen der anderen oder mich anrufen. Oft ist nach einem kurzen Gespräch der schwache Moment vorbei.

Welche innere Einstellung ist sinnvoll, um es zu schaffen?

Jedes menschliche Handeln ist gewinnorientiert: "Ich muss was davon haben". Das Nikotin in der Zigarette stimuliert das Belohnungssystem im Gehirn sofort. Die gesundheitlichen Vorteile beim Rauchstopp sind gut - auf jeden Fall eine Belohnung - stellen sich aber erst verzögert ein. Deshalb müssen für den Anfang Ersatzhandlungen her für das, was die Zigarette sonst gibt. Die meisten Teilnehmer haben selbst sehr gute Ideen und Lösungsansätze, wie das aussehen könnte. Aufgabe des Kurses ist es, diese Ideen zu bündeln.

Was bringt das Aufhören gesundheitlich?

Die Effekte sind direkt spürbar und messbar. Nach acht Stunden verbessert sich bereits die Sauerstoffversorgung des Körpers, nach ein bis zwei Tagen Geschmacks- und Geruchssinn und nach etwa einem Monat geht die Kurzatmigkeit beim Treppensteigen zurück und die Lungenfunktion ist messbar besser.

Wann sehen Sie eher schlechte Voraussetzungen für die Entwöhnung?

Die Grundüberzeugung muss schon aus der Person selbst kommen. "Ich bin hier, weil mich meine Frau oder Freundin schickt" - da höre ich schon, dass die innere Überzeugung fehlt. Günstig ist aber auf jeden Fall, wenn das Umfeld nicht raucht oder mitzieht und die Entwöhnung unterstützt.

Auch bei Teilnehmern, die von vornherein allein auf Ersatzstoffe wie Nikotinkaugummis oder -pflaster setzen, bin ich skeptisch. Man kann das als Zusatz verwenden, aber zur Ablösung reicht es nicht, weil da der psychische Effekt außer Acht bleibt. Es kommt der Punkt, an dem ich mit den Zusatzfunktionen der Zigarette umgehen können muss.

Kann man die (Miss-)Erfolgsfaktoren auch auf andere Vorsätze übertragen?

Was die Motivation angeht, auf jeden Fall. Die muss von Innen kommen. Generell ist das Hauptproblem bei Vorsätzen, dass ich mir zu schwierige Ziele setze oder sie zu pauschal formuliere. Kleine und konkret Schritte bringen am ehesten Erfolg.


Karin Ait Atmane

28.01.2010 - aktualisiert: 01.02.2010 11:02 Uhr

 

 

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