
Winterschlussverkauf
"DDR-Literatur wird oft unterschätzt"
Ehepaar Tetzlaff liest "Literatur von Drüben" in Sillenbuch
SILLENBUCH/S-MITTE
Zur DDR-Literatur kamen Monika Lange-Tetzlaff und Robert Tetzlaff durch ihr berufliches Interesse am Kulturgegenstand Buch. "In der DDR hat man besonders schöne Bücher hergestellt", erläutert die Inhaberin eines kleinen Antiquariats im Bohnenviertel. Weil die aufwändig gestalteten Titel ihr Interesse geweckt hatten, begannen die Eheleute sich mit Ostliteratur zu beschäftigen.
Die Bemühungen des Staates, Arbeiterliteratur populär zu machen, fruchteten nicht, sagt der kritische Referent Robert Tetzlaff . Letztlich waren es doch die Intellektuellen, die die Literaturszene im sozialistischen Staat beherrschten. Die studierte Kunsthistorikerin Anna Seghers, schon vor Gründung des Arbeiterstaates mit Literaturpreisen bedacht, blieb zeitlebens die Vorzeigeintellektuelle ihrer Wahlheimat.
Monika Lange-Tetzlaff liest am Vortragsabend zwischen den historischen Erläuterungen ihres Mannes die spannendsten und aussagekräftigsten Passagen ausgewählter Werke der Autoren Irmtraud Morgner, Stefan Heym, Otto Gotsche, Peter Hacks, Anna Seghers, Hermann Kant und Christa Wolf. Dabei wird natürlich auf die Problematik von schreiberischer Tätigkeit in einer Diktatur eingegangen.
Das Ehepaar Tetzlaff erzählt in vielen Anekdoten von den Strategien, die ein Autor entwickeln musste, um der Zensur zu entgehen und den Schicksalen regimekritischer Schreiber. Ein Lektor der Deutschen Demokratischen Republik habe erzählt, er hätte in eingereichten Texten ein Schwein in ein Huhn ändern müssen. Denn das Huhn war, im Gegensatz zum Schwein, eines der Tiere, das die Arbeiter im Arbeiterstaat auch hatten. Wurde in Romanen etwa das Leben in der östlichen Besatzungszone geschildert, ohne die Rote Armee als Befreier vom Faschismus zu erwähnen, hat man das Buch abgelehnt.
Vita und politische Einstellung der Autoren spielen beim einstündigen Vortrag eine besondere Rolle. Der Schriftsteller Hermann Kant beispielsweise, so belegen es etwa 2000 Aktenfunde aus den 90er Jahren, war jahrelang freier Mitarbeiter der Stasi, schlägt aber dennoch in seinen späteren Romanen wie in "Der Aufenthalt" einen ironisch-kritischen Ton an. "DDR-Literatur wird leider oft unterschätzt und stiefmütterlich behandelt", so die Mittfünfzigerin. Dem wollen die beiden belesenen Referenten entgegenwirken.
Ganz ohne "Ostalgie", aber die neuesten Forschungsergebnisse einbeziehend, gestalten Monika Lange-Tetzlaff und Robert Tetzlaff einen kurzweiligen Abend: am Mittwoch, 10. Februar, 19.30 Uhr, Clara-Zetkin-Haus.
Leila Haidar
04.02.2010 - aktualisiert: 04.02.2010 13:58 Uhr
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