Die Angst ist immer dabei: Winnenden und die Folgen
Kraufmann / Thomas Wagner
243 angekündigte Amokläufe landesweit in einem Jahr registriert
Der Amoklauf von Winnenden und Wendlingen am 11. März 2009 hat sich in den Köpfen eingeprägt. Die Tat hat ihre Spuren hinterlassen. 243 Ankündigungen von Amokläufen sind landesweit registriert worden. Man kann zwar Maßnahmen für den Ernstfall ergreifen, doch die Angst lässt sich kaum abschütteln.
"Ich möchte so eine Situation nicht nochmals erleben", sagt Alfred Stöckle, Schulleiter am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Fellbach. Am 18.Dezember, kurz vor den Weihnachtsferien, ging im Sekretariat ein Anruf der Polizei ein, eine Amokdrohung gegen die Schule sei ausgesprochen worden. "Wir hatten zwei Wochen zuvor erst den Krisenplan durchgesprochen." Lehrer und Schüler hatten sich in den Klassenzimmern eingesperrt. "Es war so leise im Schulhaus, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können." 1250 Schüler und 100 Lehrer waren für eine knappe Stunde in Angst und Schrecken versetzt worden. Erst im Nachhinein wurde wahrgenommen, dass die Polizei das Gebäude bereits umstellt hatte. Glücklicherweise war es falscher Alarm.
Doch es war kein Einzelfall: 243 Amokdrohungen sind landesweit registriert worden. Das Ausmaß ging dabei von zügiger Entwarnung bis zur Schulräumung. Die meisten sogenannten Trittbrettfahrer wenden sich gegen Schulen, nur 13 Amokdrohungen sind gegen andere Einrichtungen ausgesprochen worden. Gegenüber der "Bild"-Zeitung äußerte Dr. Gottfried Barth von der Uni-Klinik Tübingen: "In Baden-Württemberg gibt es hundert, wenn nicht sogar einige Hundert Jugendliche, die Amok-Fantasien haben, einen Schüler oder Lehrer zu töten."
Ralph Röhrig ist Schulleiter für die Realschule an der Jörg-Ratgeb-Schule in Neugereut und hat sein Referendariat an der Albertville-Realschule absolviert.
Eine Kollegin aus Neugereut war bis Ende des vergangenen Schuljahres an der Fellbacher Realschule eingesetzt. "Die psychologische Betreuung der Schüler hat sich auch nach der Tat noch lange hingezogen", so Röhrig. Schulpsychologen seien wichtig, sagt er. Noch unverzichtbarer seien jedoch Beratungslehrer, die zwischen Schulpsychologen und Lehrern agieren und in Schulungen auf vielfältige Probleme in der Schule vorbereitet werden. Knapp 1600 Beratungslehrer sind landesweit an Schulen tätig.
Ein persönlicher Umgang mit dem Amoklauf ist ein Jahr nach der Tat auch für Astrid Hahn, Rektorin der Albertville-Realschule, nicht einfach. Sie sei zwar ein willensstarker Mensch, sagte sie am vergangenen Wochenende in der Obertürkheimer Andreaskirche, doch auch sie brauche immer wieder eine Pause und die Hilfe anderer.
Immer wieder ist im vergangenen Jahr über Videoüberwachung an Schulen diskutiert worden. Ein Gesetzesentwurf dazu liegt vor. Aus dem Regierungspräsidium heißt es jedoch: "An eine großflächige Einführung von Videokameras an Schulen wird derzeit nicht gedacht." Als Allheilmittel kann Videoüberwachung sicher nicht gelten. "Aber Nein sagen würde ich zur Beobachtung von ein paar abgelegenen Stellen des Schulgebäudes auch nicht", so Alfred Stöckle.
Das SWR Fernsehen überträgt am 11.März um 11 Uhr die Trauerfeier aus Winnenden.