
Winterschlussverkauf
"Schlecker ist nicht der Schlimmste"
Attac Ostfildern und seine Partner diskutieren Wege zu menschenwürdiger Arbeit
"Menschen müssen ihre Zukunft planen können", forderte Verdi-Bezirksgeschäftsführer Bernd Riexinger. Attac Ostfildern und seine neun Partner hatten ihn und Paul Schobel, Betriebsseelsorger der Diözese Rottenburg-Stuttgart, zum Thema "Erwerbsarbeit in der Krise" eingeladen. Schobel berichtete im Nellinger Martin-Luther-Haus von den psychischen Folgen von Angst und Resignation.
Zehn Stunden Arbeit trotz 6,5-Stunden-Vertrag, dauernde sexuelle Belästigungen und massive Bedrohungen - so beschrieb Riexinger die erschreckenden Zustände bei einer Reinigungsfirma, die bei Daimler putzte. Dass Schlecker Mitarbeiterinnen kündige, um sie über die eigene Zeitarbeitsfirma zu Niedriglöhnen wieder einzustellen, habe sich herumgesprochen. Aber: "Schlecker ist gar nicht mehr der Schlimmste. Manche Discounter sind viel schlimmer." Mitarbeiter im boomenden Bewachungsgewerbe arbeiteten 240 bis 260 Stunden im Monat, müssten teils sechs bis sieben Stunde ohne Pause stehen.
Ein Drittel der Beschäftigten im deutschen Einzelhandel arbeite zu Stundenlöhnen unter 7,50 Euro, jeder vierte der bundesweit 40 Millionen Beschäftigten im Niedriglohnbereich.
In keinem anderen Industrieland seien die prekären Arbeitsverhältnisse stärker gewachsen. "Das war und ist politisch gewollt", beklagte Riexinger. Hartz IV, von Rot-Grün eingeführt, habe sich als erfolgreiches Werkzeug zum Drücken der Löhne erwiesen.
Als Seelsorger erlebt Schobel, wie sich resignierte Arbeitslose aufgeben, wie ihr Menschsein zerfällt. Wer Arbeit habe, dem lasse die jahrzehntelange Arbeitsverdichtung oft keine Luft mehr. Am Ende mancher "Vertrauensarbeitszeit" mit strengen Zielvorgaben stehe ein Burn-out-Syndrom mit schwerer Krankheit. Das Betriebsklima sei "im freien Fall nach unten". Es herrsche kolossale Angst, denn nicht einmal mit Erwerbsarbeit seien Menschen vor Armut sicher.
Die Gesellschaft, so Schobels weiter, spalte sich immer mehr - im Betrieb in Arbeit erster und zweiter Klasse, mit "einem Slum um jede Firma". Das Vermögen sei wie in einer Bananenrepublik verteilt: "Wenn zehn Prozent Fettaugen über 60 Prozent des Volksvermögens verfügen, haben manche ihre Hausaufgaben nicht gemacht."
Wenn es durch dauernde Arbeit keine sozialen Zeiten mehr gebe, in denen eine Gesellschaft sich verknüpfe, werde diese unpolitisch. "Das ist das Ende der Demokratie. Mit einer unpolitischen Gesellschaft kann man machen, was man will."
Mit Bezug auf die katholische Soziallehre, forderte Schobel "dringend" einen gesetzlichen Mindestlohn.
Riexinger verwies auf Frankreich, wo Leiharbeiter den gleichen Lohn wie Stammbeschäftigte bekommen - plus zehn Prozent Flexibilitätszulage.
11.03.2010 - aktualisiert: 11.03.2010 07:02 Uhr