
Wieder alte Kfz-Kennzeichen?
Zwangsheirat ist auch in Stuttgart ein Thema
Wie die 19-jährige Hazal durch ROSA wieder ihren Weg gefunden hat
von Christian Günther
Gewalt im Namen der Ehre - Zwangsheirat ist auch in Stuttgart ein Thema. Einige Zahlen: Circa zehn Prozent aller türkischer Frauen geben an, in die Ehe gezwungen worden zu sein. 2005 gab es in Baden-Württemberg 213 Fälle von Zwangsheirat. Die Tendenz der Anfragen bei Terre des Femmes ist steigend. Mehr als ein Viertel dieser Frauen haben Morddrohungen bekommen.
Auch bei ROSA, ein Wohnangebot für junge Frauen zwischen 16 und 21 Jahren, die mit ihrer Familie in Konflikt stehen, wegen körperlicher und seelischer Bedrohung Schutz und Wohnmöglichkeit suchen, sind die Anfragen in den vergangenen drei Jahren stark angestiegen: 2009 stieg die Zahl auf 82 junge Migrantinnen. Von Zwangsheirat betroffen waren durchschnittlich 47 Prozent.
Dabei verfügt ROSA in Stuttgart nur über acht Plätze in zwei Wohngruppen, viel zu wenig.
Zudem dauert es oft Wochen, bis die Mädchen vom Jugendamt eine Kostenzusage und damit einen Platz sicher haben. Zeit, die die Mädchen oft nicht haben. Die evangelische Gesellschaft eva fordert Notunterkunftsplätze.
Oft werden die minderjährigen Töchter mit einem türkischen Mann verlobt, dann nach Ostanatolien verfrachtet und dort in kürzester Zeit verheiratet.
So ist es auch der 19-jährigen Hazal ergangen. Der jungen, hübschen Frau, die natürlich nicht fotografiert werden darf, sieht man ihr Martyrium heute nicht mehr an: Schon als sie 14 Jahre alt war, wurde sie mit ihrem Cousin verlobt.
Damals hat sie sich nichts dabei gedacht. "Ich war noch ein Kind", sagt sie heute. Sie wollte nicht heiraten, versuchte, mit ihrem Vater zu reden - vergeblich.
Mit 17 Jahren musste Hazal in die Türkei, wurde dort verheiratet. Sie wurde dort jeden Tag sexuell und psychisch misshandelt. "Ich war minderjährig, die türkische Polizei hätte mich sofort wieder zu meinem Vater zurückgebracht", sagt sie.
Sie soll ihrem Mann zu einem Deutschlandaufenthalt verhelfen, kehrt schwanger zurück nach Hamburg. Dort an der Schule vertraut sie sich einer Lehrerin an. Auch das Jugendamt konnte aus Hilflosigkeit nicht helfen, schließlich fährt sie die Lehrerin nach Berlin in eine Notunterkunft.
In Berlin hat Hazal Verwandtschaft, also kam sie in Stuttgart bei ROSA unter. "Als die Familie erfahren hat, dass ich weggelaufen bin und mein Kind verloren habe, haben sie mich mit Mord bedroht." Der wütende Mann verfolgt sie bis nach Italien, kehrt dann in die Türkei zurück und heiratet wieder.
Die islamische Hochzeit ist zivilrechtlich nicht gültig. Die Familie verspricht ihr das Blaue vom Himmel, damit Hazal wieder zurückkommt. Sie bleibt aber standhaft.
Mittlerweile hat der Vater zwar ihre Handynummer, aber der Kontakt bleibt auf Distanz. Anonymität ist für Hazal lebenswichtig. "Wir ROSA-Frauen sind sehr gute Schauspielerinnen und erfinden aus Not immer neue Lebensgeschichten", sagt sie. Auch ihre Mitschülerinnen kennen ihren richtigen Namen.
"Dank der Unterstützung von ROSA habe ich meinen Weg gefunden", sagt Hazal. Sie hat in Stuttgart ihren Schulabschluss gemacht, macht eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau und lebt heute in ihrer eigenen Wohnung. "Mein Ziel ist, unabhängig zu sein."
18.03.2010 - aktualisiert: 18.03.2010 07:00 Uhr
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