Inés de Castro: Neue Direktorin des Lindenmuseums hofft auf mehr Identifikation mit dem Museum und hat einen großen Wunsch
Es gibt Menschen, die in ihrer Herkunft und ihrer Biografie das vereinen, was auch ihren Beruf ausmacht. Wie bei Professor Dr. Inés de Castro : Die Ethnologin ist in Argentinien aufgewachsen. Die Eltern, katholisch und jüdisch, wanderten 1938 aus. Die Vorfahren waren Pestärzte aus Hamburg-Altona. Museumsbesuche gehörten zur Kindheit dazu.
Geschichtliche Bezüge findet man bei Inés de Castro bereits in ihrem Namen. "In Portugal kennt jedes Kind Ines de Castro", sagt die neue Direktorin des Lindenmuseums. Die Eltern haben den Namen, um den sich Opern und Schauerromane winden, ganz bewusst gewählt: Im 14.Jahrhundert heiratete die kastilische Adlige Ines de Castro den portugiesischen König Peter I. Der Schwiegervater fürchtetete eine zu große Einflussnahme und ließ sie hinrichten. Peter führte einen Rachefeldzug gegen seinen Vater und ließ - so sagt es die Legende - Ines in die Kathedrale von Coimbra überführen und setzte die Tote in Königsgewändern auf einen Thron. Ines de Castro schaudert es bei der Geschichte eher, als dass sie stolz auf sie ist, trotzdem ist sie bis zum Studium hin immer wieder auf die Namenspatronin angesprochen worden.
Ihre Kindheit verbrachte die promovierte Ethnologin in Argentinien. "Meine Brüder waren in der englischen Schule, ich in der französischen." Die Mitschüler kamen aus Haiti genauso wie aus dem Libanon. "Wir waren viel draußen, sind viel geritten und haben Polo gespielt, das ist dort der Volkssport."
Ins Museum sei sie früh "mitgeschleppt worden": Prado und Louvre, aber auch Museen zur Ägyptologie. Diese Besuche scheinen einen Grundstein für ihren späteren Beruf und ihre Laufbahn gelegt zu haben. Ein anderer war der Aufenthalt nach dem Abitur in Mexiko, bei dem sie die Pyramiden und ihre Geschichte beeindruckt haben. "Das Spannende an der Ethnologie ist, dass wir nicht nur die Ästhetik eines Gegenstands sehen, sondern dessen Funktion, den religiösen oder rituellen Hintergrund, den Gegenstand in seiner Zeit und vieles mehr", sagt die 42-Jährige über ihr Fachgebiet, bei dem ihr Schwerpunkt vor allem auf den Kulturen Mesoamerikas liegt. Inés de Castro spricht neben Deutsch, Spanisch, Englisch und Französisch auch einige indigene Sprachen. "Sie sind sehr blumig und lyrisch und wurden bis zur Ankunft der Spanier und der Missionierung in Hieroglyphen oder Bilderhandschriften verzeichnet."
Zum ersten Mal nicht als Besucherin richtete sie als Volontärin den Blick ins Völkermuseum in München. Im Lokschuppen in Rosenheim wirkte sie bei einer Landesausstellung mit, von 2006 bis zu ihrem Amtsantritt in Stuttgart war sie stellvertretende Direktorin und Prokuristin des Roemer und Pelizaeus-Museums Hildesheim. "Man kann die beiden Museen kaum miteinander vergleichen: Hildesheim ist ein Vier-Sparten-Haus mit Sammlungen aus den Bereichen Ägypten, Völkerkunde, Naturkunde und Stadtgeschichte." Außerdem ist das Museum eine gemeinnützige GmbH, kein Landesmuseum wie in Stuttgart. "Vorteile sind, dass man flexibler und marktorientierter ist." Der Nachteil ist, dass die finanzielle Seite weniger abgesichert ist als bei einem Landesmuseum. "Das Lindenmuseum muss wieder mehr in den Fokus der Menschen vor Ort rücken." So wie die Berliner die Nofretete im Ägyptischen Museum angenommen hätten, so wünscht sich Inés de Castro auch, dass die Stuttgarter wieder mehr die Exponate des Lindenmuseums schätzen lernen würden. Ende der 90er Jahre konnte das Museum am Hegelplatz 113000 Besucher verbuchen, 2009 waren es 62000.
"Wir müssen versuchen, das Museum attraktiver zu machen." Als erster Schritt wird im Sommer das Foyer verschönert. Und wenn möglich soll die Fassade mit optischen Hinguckern auf die Schätze im Innern verweisen. "Ich weiß, dass die finanzielle Lage angespannt ist", sagt sie, "aber ein großer Wunsch wäre, dass wir einen Neubau bekämen." Vor allem für Sonderausstellungen müssten immer wieder Flächen frei geräumt werden. Der einst angedachte neue Raum ist dem Katharinenhospital zugerechnet worden.
Am Vortag war die Direktorin in St. Petersburg, um eine Kooperation aufzubauen. Jetzt muss noch das Plakat zu "Indiens Tibet - Tibets Indien" fertig gestaltet werden. Und für die große Landesausstellung 2011 im Kunstgebäude stehen schon die Designer buchstäblich vor der Tür.