Als Trainer auf der Bank? Das wäre für den Ex-Nationalspieler "eine Katastrophe" gewesen
Als Trainer Helmut Schön den jungen Hansi zur Seite nahm, den Arm um seine Schulter legte und ihm zuflüsterte "Du spielst morgen", war seine Überraschung riesengroß. "Ich trug als letzter Feldspieler die Nummer 20 und war gerade 20 Jahre alt", blickt er auf seine erste Weltmeisterschaft zurück. Damit war er noch jünger als die aktuellen Neulinge Jerome Boateng oder Holger Badstuber, die beide 21 Jahre alt sind.
Die Premiere war dann aber recht ernüchternd. "Es war ein grausames Spiel gegen Polen", das am Ende 0:0 endete. 42-mal streifte er sich das Nationaltrikot über und schoss dabei fünf Tore. Beim VfB, für den er acht Jahre lang spielte, traf er in 186 Spielen sogar 65-mal ins gegnerische Gehäuse.
Beim Dekra-Spätschoppen in der Kickers-Gaststätte schwelgt der mittlerweile 52-Jährige in nostalgischen Gefühlen: "Heute muss ein Spieler aufpassen, was er sagt. Die Medien sind viel präsenter als damals." Sprich, der Spaßfaktor und die Spontaneität waren anno 1978 weitaus größer als heutzutage.
Beim SV Rot schnürte er als Junge zum ersten Mal die Kickstiefel, sein Vater Hermann, ebenfalls ein Linksfuß, war sein Mentor, aber auch sein schärfster Kritiker. "Da gab es schon mal Tränen", gibt er unumwunden zu.
Der Abstieg des VfB aus der 1. Bundesliga war für Hansi Müller ein Glücksfall. "Hätte der VfB im Uefa-Cup gespielt, hätte kein Hahn nach dem 18-jährigen Müller gekräht." Und mit dem Wundermann Sundermann kam ja ein Jahr später wieder der Aufstieg in die Erstklassigkeit. "Der Jürgen hat immer geschaut", so Müller, "dass er alle, auch die Ersatzspieler, bei Laune hält. Eben ein Seelendoktor zur rechten Zeit, als die Elf ziemlich angeschlagen war.
Nicht nur die Medienpräsenz hat beim Fußball stark zugenommen. "Ich hab' damals als 18-Jähriger 1000 Mark brutto verdient", sagt der dreifache Vater, "heute werden Vierjahresverträge über 10 bis 15 Millionen Euro geschnürt. Und wenn du heute in den Fitnessraum des Vereins gehst, meinst du, du bist im Katharinenhospital - dann stehen da statt einem fünf bis sechs Betreuer rum."
Das Abitur hat der schöne Hansi übrigens mit Ach und Krach bestanden: "Ich glaube, mein Notendurchschnitt lag bei 3,9." Damals war der Samstag ein echter Stresstag. Morgens noch in die Schule und dann ab zum Spiel. Manchmal kam er zu spät wie beim Zweitligaspiel in Bayreuth. "Da ließ mich Sundermann auf der Bank schmoren", erinnert er sich.
Der Job als Trainer hat ihn nie gereizt. "Am Wochenende auf der Bank zu sitzen", meint er selbstkritisch, "das wäre eine Katastrophe gewesen. Ich hab' einfach zu viel Temperament."
Obwohl er nur drei Jahre in Italien bei Inter Mailand und Como spielte, ist Hansi Müller dort noch heute populär und wird auf der Straße angesprochen. "Ich habe die Sprache damals sehr schnell gelernt", lautet seine Erklärung, "und habe versucht, neben dem Spieler auch den Menschen Hansi Müller zu zeigen."
Zu seinem schweren Schicksalsschlag, als seine Frau Claudia mit 46 Jahren an einer schweren Krankheit starb, sagt er: "Wir hatten 28 wundervolle Jahre gehabt. Wichtig ist, den Glauben nicht zu verlieren. Es gibt immer wieder einen Weg, in die Spur zu kommen."