Werner Wölfle: Der Grünen-Politiker will am 15. Juli Sozialbürgermeister in Stuttgart werden
Streitbar, nicht streitsüchtig ist sicher die Wortwahl, wenn es darum geht, Werner Wölfle zu beschreiben, der seit 16 Jahren dem Gemeinderat angehört, seit 14 Jahren die Fraktion der Grünen mit anführt und seit 2006 Mitglied des baden-württembergischen Landtags ist. Nun, da die Grünen die stärkste Fraktion im Rathaus sind, steht er vor dem nächsten Karriereschritt: Wölfle will Sozialbürgermeister werden.
Für den 1953 in Konstanz geborenen Grünen-Politiker wäre die Wahl am 15. Juli mehr als logisch. Er ist gelernter Diplom-Sozialarbeiter (FH) und gilt fachlich als die beste Wahl für das Amt des Sozialbürgermeisters, das bisher von Gabriele Müller-Trimbusch (FDP) bekleidet wurde, die aber im August in den Ruhestand geht. Er selbst gibt unumwunden zu, dass diese Position die Erfüllung eines langgehegten Traums wäre: "Ich habe mich schon zu Schulzeiten-Planspielen immer um die Rolle des Bürgermeisters gerissen und dann als kleiner Sozialarbeiter angefangen. Nun habe ich die Chance, an vorderster Stelle gestaltend mitzuwirken. Dafür lohnt es sich zu kämpfen."
Dass die Grünen die FDP auf dieser Position beerben wollen, hängt mit dem Wahlsieg der Ökopartei zusammen, die 2009 im Juni stärkste Fraktion wurde und nun - neben Bürgermeister Murawski - ein zweites Bürgermeisteramt für sich beansprucht.
Die Liberalen denken aber nicht daran, die Position freiwillig zu räumen, und haben die Konstanzer FDP-Kreischefin Isabel Fezer ins Rennen geschickt.
"Ich habe keine Probleme mit einem Mitbewerber, das sind die demokratischen Spielregeln", bleibt er locker. Die vergangenen Wochen haben indes gezeigt, dass die Wahl Wölfles kein Automatismus ist. Nicht zuletzt, weil er selbst nicht mitstimmen darf im Gremium und damit ein Patt von 30 zu 30 Stimmen zwischen dem konservativen Block aus CDU, FDP und Freien Wählern und dem Block aus Grünen, SPD, Linke und SÖS besteht.
Eine "gelb-rote Grätsche" schließt Wölfle nicht aus, denn einige aus dem Lager der Sozialdemokraten und Liberalen sehen sein Engagement gegen Stuttgart21 unvereinbar mit dem künftigen Amt. Er räumt ein, in einigen Fällen durchaus zugespitzt argumentiert zu haben. "In Baden-Württemberg ist Streit negativ belegt, aber ich diskutiere nun mal gerne, weil es geht um Lösungen." "Hart, aber fair" ist sein Motto. "Ich will niemanden verletzt hinterlassen, will Niederlagen vermeiden. Die beste Lösung ist, alle gehen als Gewinner vom Tisch."
Bei der anstehenden Bürgermeisterwahl dürfte das schwer werden, zu viel steht auf dem Spiel. Eine mögliche Niederlage kalkuliert er ein, aufgeben kommt für ihn jedoch nicht infrage: "Sicher wird es eine Zeit der Verletztheit geben." Weshalb liegt ihm das Thema Soziales so am Herzen? Die Antwort ist in seiner Jugend zu finden. Der Sohn eines kleinen Beamten sagt über sich: "Ich weiß, woher ich komme."
Nach dem FH-Studium in Reutlingen und seiner ersten Stelle im Jugendhaus in Albstadt-Ebingen kam er in den Achtzigern nach Stuttgart. Dort gründete er das Haus 49 im Stuttgarter Norden und den Schlupfwinkel, eine Anlaufstelle für obdachlose Kinder und Jugendliche. Von 1992 bis 2006 war er Bereichsleiter der Caritas Stuttgart in der Jugend- und Familienhilfe. Die Integration von Kindern und Jugendlichen wurde für Wölfle zum bestimmenden Thema. "Wenn es uns nicht gelingt, die gleichen Chancen auf Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe zu gewährleisten, bricht unsere Gesellschaft über kurz oder lang auseinander", ist er überzeugt.
Sein Eintritt bei den Grünen 1985 war im Grunde die logische Konsequenz aus seinem sozialen und umweltbezogenen Engagement. "In Konstanz stand der See in den siebziger Jahren kurz davor, wegen Sauerstoffmangels zu kippen. Das war so etwas wie die Initialzündung."
Entspannung findet Wölfle, miterziehender Vater von zwei Kindern, beim Sport. "Ich achte sehr auf mich, auch wenn es tagsüber oft so aussieht, als würde ich bei der Arbeit kein Ende finden." Verlässlich da zu sein für die Kinder, ist ihm ganz wichtig, ansonsten fährt er Rad, geht dreimal in der Woche joggen und betätigt sich noch als Kleingärtner. "Das habe ich von meinem Vater abgeguckt, und es macht riesigen Spaß. Außerdem fördert es die sozialen Kontakte.
Zum Bücherlesen kommt Werner Wölfle fast nur im Urlaub. Zur Zeit lässt er sich, wie viele Stuttgarter, vom Wahl-Stuttgarter Wolfgang Schorlau mit seinen Krimis. "Die sind am dichtesten dran an der sozialen Realität. Genau so könnte es gewesen sein, denke ich oft."