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"Herkunft entscheidet leider immer noch"


Stadtjugendring lädt Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth zum Gespräch
 

Zum Thema doppelte Staatsbürgerschaft meldet sich eine junge Frau griechischer Abstammung zu Wort: "Ich bin hier geboren, lebe hier und möchte gerne Deutsche werden. Aber es ist teuer, und ich muss das gleiche Procedere durchlaufen wie jemand, der erst im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen ist. Das ist nicht fair!"
 

FEUERBACH

Etwa 350 Euro pro Person koste es momentan, deutscher Staatsbürger zu werden. "Da muss man schauen, was man erleichtern kann", stimmt Claudia Roth sofort zu. "Besonders innerhalb der Familie bedeutet es oft eine schwierige Entscheidung, wenn das Kind sich mit 18 Jahren für die eine oder die andere Staatsbürgerschaft entscheiden muss", sagt Philipp Franke, Kreisvorsitzender der Stuttgarter Grünen. Das berichtet auch Canan Balaban vom Arbeitskreis Interkultur: "Ich habe zwischen zwei Stühlen gesessen, als ich mich zwischen der deutschen und der türkischen Staatsbürgerschaft entscheiden musste." Sie sei jetzt Deutsche und habe für sich einen "dritten Stuhl" erfunden, als Balanceakt zwischen zwei Kulturen, aber es sei "sehr schwierig". "Sich für eine Staatsbürgerschaft entscheiden zu müssen, ist reine Diskriminierung", findet Cäcilia Demir-Schmitt aus dem Vorstand des Stadtjugendrings. "Der neue Ministerpräsident von Niedersachsen, David Mcallister, hat die doppelte Staatsbürgerschaft - was für Ministerpräsidenten gilt, muss auch für alle anderen gelten", fordert Claudia Roth. Eine junge Frau berichtet von Problemen bei der Wohnungssuche: "Es heißt dann oft vom Vermieter: Ich will aber keine Türken." Eine türkische Schülerin erzählt: "Ich habe es aufs Gymnasium geschafft, aber viele meiner Mitschüler, die ebenfalls Migrationshintergrund haben und weniger gutes Deutsch als ich sprechen, wurden gleich auf die Hauptschule geschickt. Keiner hat sich darum gekümmert, dass sie im Unterricht nicht mitkamen." Ein türkischer Junge berichtet noch Schlimmeres: "Ich hatte in der Grundschule gute Noten und wollte aufs Gymnasium. Stattdessen wurde ich auf die Hauptschule geschickt. Von dort bin ich auf die Realschule gewechselt, und jetzt habe ich wieder gewechselt und besuche die achte Gymnasialklasse." Das anwesende Publikum ist sichtlich geschockt von den Vorfällen, und Claudia Roth sagt: "Es ist leider immer noch so, dass Herkunft und Name alles entscheiden. Wir können es uns aber nicht leisten, auf das große Potential zu verzichten, das Menschen mit Migrationshintergrund mitbringen, allein schon das Beherrschen von zwei Sprachen. Wir brauchen Vorbilder für die interkulturelle Öffnung", fordert sie, Migranten müsste signalisiert werden: Ihr gehört dazu und ihr werdet gebraucht hier.

Denn, so Roth: "Man muss sich kennen lernen, damit man sieht, dass man gar nicht so weit weg voneinander ist." Der Nachmittag zeigt, dass vieles angestoßen worden ist - aber vieles auch noch im Argen liegt.


fri

28.07.2010 - aktualisiert: 28.07.2010 21:00 Uhr

 






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