
Winterschlussverkauf
Weg vom Lebenstakt, hin zur Lebensart
Das Sabbatjahr hat begonnen (Teil 1): Die Hofmanns sind gestern abgereist
Der ehemalige Diakon der Riedenberger Gemeinde Olaf Hofmann befindet sich derzeit mit Ehefrau Beate, der jüngsten Tochter Nora und Hund Aruna im Überlebenstrainingscamp in Tirol. Nach einigen Familienbesuchen hebt der Flieger in Richtung Kanada dann schließlich am 16. August in Frankfurt ab. In vierteljährlichen Abständen wird die Familie im Stuttgarter Wochenblatt über ihre Erlebnisse berichten.
Fast schon als Metapher begreift Olaf Hofmann sein jüngstes Erlebnis wenige Tage vor der Abfahrt aus der Heimat Stuttgart: "Das Glas an meiner immer korrekt funkionierenden, solarbetriebene Funkuhr ist gesprungen", sagt er grinsend. "Klar, tut sie noch, aber ist das das Ende meines getakteten Lebens?" Weg vom Lebenstakt, hin zur Lebensart: Das ist das Motto der Hofmanns in ihrem neuen Lebensabschnitt. British Columbia beziehungsweise die Alexander Mac Kenzie-Ranch auf etwa 1 200 Meter Höhe wird für ein Jahr das neue Domizil der Vier. Unter einer neuen Lebensart verstehen sie, am Ende gelassener zu sein und andere Werte für sich zu finden. "Wir waren hier immer die Animateure", sagt der Ex-Diakon. "Nun wollen wir die Kunst entdecken, uns selbst zu animieren."
Innere Ruhe, Naturerlebnisse, die nicht nur Geist, sondern auch Körper stärken, und vorallem die positive Grundeinstellung durch den Kontakt zu den Kanadiern sind die erhofften Ziele der Hofmanns. "Eisschwimmen ist zum Beispiel so etwas, was ich wagen möchte", sagt er. "Und Westernreiten: Damit erfülle ich mir einen Kindheitstraum."
Die Ranch liegt zwar weit draußen, aber nicht "an der Grenze zur Zivilisation", wie Beate Hofmann sagt. "Wir wollen ja auch ran an die Menschen." Tochter Nora soll schließlich nicht vereinsamen. Einsam waren die Hofmanns in den vergangenen Monaten nicht. Ihre Entscheidung hat viele Sillenbucher bewegt. "Doch zum Teil haben sich auch Bekannte, die knallhart im Berufsleben stehen, ein wenig von uns distanziert", erzählen die beiden. Das seien diejenigen, die gefangen in ihrem voll durch getakteten Leben sind. Alternativen zu einem solchen Leben erhoffen sich nun die ehemaligen Jugendwerksmitarbeiter in Kanada zu finden. Nichtsdestotrotz sind sie auch realistisch geblieben. "Wir haben bei der Kirche gekündigt, weil das Potenzial eines Sabbatjahres nicht erkannt wurde", so Olaf Hofmann. Es gehe darum in der Halbzeit seines Lebens eine Pause einzulegen, um dann noch bis ins hohe Alter gestärkt arbeiten zu können. Schließlich gehöre er zu der Generation, die erst mit 67 Jahren in Rente gehen wird. Finanzieren werden sie sich durch das Geld aus dem Verkauf ihres Haushalts und durch Spenden einzelner Bürger. Außerdem sei die Miete für das Haus nicht allzu hoch. "Nur das Schulgeld für Nora ist sehr teuer", erklärt Beate Hofmann. "Wir wissen, wir sind hinterher pleite, aber das ist der Reiz an der Sache, wieder ganz einfach anfangen zu müssen."
lil
29.07.2010 - aktualisiert: 29.07.2010 10:38 Uhr
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