Hansjörg Böhringer: Der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hat den langen Atem für die Sozialpolitik
In der Sozialpolitik braucht man einen langen Atem. Den hat Hansjörg Böhringer, Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Seit 20 Jahren in dieser Funktion hat Böhringer jetzt seinen 60. Geburtstag gefeiert.
"Wege und Lösungen zu finden, Langzeitarbeitslosen eine Teilnahme am Erwerbsleben zu ermöglichen, hat sich wie ein roter Faden durch mein Berufsleben gezogen", zieht der 60-Jährige eine erste Bilanz. Mit einem Händchen fürs Wirtschaftliche und einer Spürnase für Trends in der Sozialwirtschaft hat sich Hansjörg Böhringer für sozial benachteiligte Menschen eingesetzt - immer mit dem übergreifenden Ziel, ihnen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. "Leute eingliedern und nicht von der Gesellschaft abkoppeln", lautet eine seiner Maximen.
Böhringer hat innerhalb von gut 20 Jahren einen Verband aufgebaut, der heute über 800 Mitgliedsorganisationen und 33 Tochterunternehmen und Beteiligungen hat. "Mir wird's nicht langweilig, das ist auch der Grund, warum ich noch hier bin", sagt er lachend. Der soziale Bereich sei für ihn "kein Jammertal", weil er immer noch mit gestalten kann. "Ohne Visionen ist das Leben ein bisschen arm", findet er.
1950 in Aalen geboren, zog er schon als Vierjähriger mit den Eltern in den Stuttgarter Westen. Nach dem Besuch des Friedrich-Eugen-Gymnasiums machte er auf dem Wirtschaftsgymnasium Ost sein Abitur. Dann folgte der Zivildienst im städtischen Altenheim Sonnenberg, sein erster Kontakt zu sozialer Arbeit. 1978 schloss er sein Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Unternehmensforschung und der Soziologie sowie Skandinavistik ab. Danach stieg er in einer Unternehmensberatung ein und lernte dort, wie die freie Wirtschaft funktioniert. "Als Unternehmensberater hätte ich viel mehr Geld verdienen können, aber monetäre Werte waren mir nie am wichtigsten im Leben", sinniert er. Böhringer ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Er lebt in Horb. Entspannung findet er in der Musik, Literatur und beim Sammeln und Reparieren von alten Radios.
1982 übernahm er bei der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart ein Bundesmodellprojekt zur Entwicklung von Arbeitshilfen für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten. Damit war der Grundstein für das heutige Sozialunternehmen "Neue Arbeit" gelegt, dessen Geschäftsführer er wurde. In ihm wuchs die tiefe Überzeugung heran, dass die Voraussetzung für ein würdevolles Leben in der Gesellschaft unmittelbar mit einem gesicherten Arbeitsverhältnis zusammenhängt. 1989 übernahm er für viele Jahre den Vorsitz bei der Bundesarbeitsgemeinschaft "Arbeit". 1999 initiiere Böhringer die Gründung eines europäischen Netzwerkes für soziale Integrationsbetriebe, dem heutigen Verband "European Network für Social Integration Enterprises". Heute ist er dort Vizepräsident und hat für sein Engagement 2004 das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen.
Unzählige Ämter und viele Rollen im Rahmen der sozialpolitischen Lobbyarbeit im Land hat Hansjörg Böhringer im Rahmen seiner Geschäftsführertätigkeit übernommen. Seit Anfang 2010 ist er zum zweiten Mal Vorsitzender der Landesstelle gegen Suchtgefahren.
Mit Weitsicht und einem Blick für das Machbare hat Hansjörg Böhringer als Sozialunternehmer gesellschaftliche Problemlagen und -entwicklungen erkannt und daraus neue Geschäftsmodelle und neue Wachstumsfelder entwickelt. Das Ergebnis ist eine paritätische Managementgesellschaft mit 33 Tochterunternehmen mit nunmehr knapp 2000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 100 Millionen Euro. Für die Zukunft möchte er für seinen Verband erreichen, dass man weg von den Projekten, hin zur dauerhaften Absicherung der Träger kommt. "Wir können keine ,normalen' Arbeiten im 1-Euro-Segment anbieten. So können wir Langzeitarbeitslose nicht dauerhaft in den Arbeitsmarkt integrieren", bemängelt er.
"Ich bin kontrollierter Optimist und habe einen langen Atem, den man in der Sozialpolitik braucht", beschreibt er sich selbst. "Für mich ist das Glas halbvoll, man muss nur schauen, was drin ist." Jetzt steht erst mal der Umzug des Landesverbandes von der Hausmannstraße nach Vaihingen an. Dort wird nicht nur die neue Verwaltung einziehen, sondern auch ein Mehrgenerationenhaus entstehen. Die Mitgliedsorganisation Anna-Haag- Haus und das Tochterunternehmen Lothar-Christmann-Haus werden dort eine Kindertagesstätte und eine Altenpflegeeinrichtung mit "Servicewohnen" umsetzen.