Alt und Jung brauchen einander
Durch die Verkürzung der Zivildienstzeit müssen Altenheime umdenken
SONNENBERG
13 Zivi-Stellen, davon sind nur sieben bis acht besetzt - das ist seit einigen Jahren die Realität im Sonnenberger Altenheim.
Sinan Cetin und Moritz Raschke arbeiten seit drei Wochen in der Hausmeisterei. So lange leistet auch Naeem Sheikh seinen Dienst bereits und übernimmt Pflegeaufgabe. "Nach drei Wochen Bund habe ich mich doch für den Zivildienst entschieden", sagt der 19-Jährige. Michael Yohannes fährt die Senioren in der Tagespflege zum Arzt, geht mit ihnen spazieren, unterhält sich mit den Senioren und hilft ihnen beim Essen.
All dies machen die vier jungen Männer täglich acht Stunden lang, manchmal am Wochenende oder in Schichtarbeit für etwa 500 Euro im Monat.
Und das ist das Problem daran. "Ich könnte mir das als Job vorstellen, wenn ich besser bezahlt werden würde, zum Beispiel stundenweise", sagt Michael. Auch der 22-jährige Moritz stimmt dem zu. Ihn schrieb der Bund erst nach seiner Ausbildung an, so dass er für sechs Monate aus seinem Betrieb heraus musste und jetzt mit dem Zivi-Gehalt auskommen muss. Alle vier sind sich einig: "Wenn der Zivi-Dienst besser bezahlt werden würde, könnten wir uns vorstellen auch die drei Monate freiwillig zu verlängern." So gehen sie lieber in der Zeit "richtig arbeiten", sagt Michael, denn an Geld mangele es immer.
"Schon mit den neun Monaten gibt es Lücken in der Betreuung", erklärt Einrichtungsleiter Friedrich Dollt. Mit welchen Konsequenzen muss das Altenheim nun rechnen? "Zum einen suchen wir Ehrenamtliche, setzen auf mehr FSJler und natürlich auf mehr Mitarbeiter." Doch so einfach ist das nicht: Die Träger sozialer Einrichtungen müssten insgesamt mehr Mitarbeiterstellen fordern. "Doch uns ist klar, dass davon nicht so viele genehmigt werden, wie es momentan Zivi-Stellen gibt", schätzt Dollt. Was bleibt ihm also? Entweder mehr Leute einstellen und damit die höheren Personalkosten den Krankenkassen oder im Notfall den Bewohnern selbst anlasten. "Oder wir bieten keine Dienstleistungen mehr an."
Das würde für Bewohner wie Ernestine Saller und Inge Möller weniger oder gar keine Freizeitaktivitäten bedeuten. "Dabei haben wir ein gutes Verhältnis zu den jungen Männern", sagt Möller. "Sie stützen uns, geben Trost beim Zahnarzt und warten immer geduldig auf uns", ergänzt Saller. Diesen menschlichen Aspekt wissen auch Michael und Naeem zu schätzen. "Ich fände es schade, wenn es keine Zivis mehr gäbe", sagt Naeem. "Denn dann würde so manchem die Dankbarkeit, die man hier entgegen gebracht bekommt, entgehen." Auch Michael, der behauptet eine schwierige Persönlichkeit zu sein, tun die Gespräche mit den Senioren gut. "Erst letzte Woche habe ich mit einem 82-Jährigen über Moral und Glaube diskutiert. Er hat mir gezeigt, mein Leben auch mit anderen Augen zu sehen."
26.08.2010 - aktualisiert: 26.08.2010 13:17 Uhr