Die Transferpolitik beim VfB Stuttgart ist nicht erst seit gestern eine Katastrophe. Da hat man in den vergangenen Saisons Stars wie Gomez oder Khedira verkauft - und wer kam dafür? Veteranen, traumatisierte Rückkehrer und Nobodys. Dabei heißt Bundesliga doch mehr Fußball, mehr Leidenschaft, mehr Tore. Wieso wird immer bloß woanders gezaubert und gezockt und nie am Neckar? Eine Antwort bitte, Herr Bobic!
Lieber Fredi Bobic,
wenn ich Ihnen mal die Emotionskurve meiner Kollegen, meines Freundeskreises und die ganz persönlichen zwischen vergangenen Mittwoch und heute anschaulich machen dürfte, dann begänne diese bei 250 Freudenpunkten und endete bei 50Depri-Punkten in den Katakomben der halb sanierten Mercedes-Benz-Arena. Zur näheren Erläuterung: die 250 Freudenpunkte hängen mit meinem gebrüllten "Jaaaaaaaaaaaaaaa!" zusammen, als am Mittwochabend die Nachricht über den Ticker lief, dass Diego wieder in die Bundesliga zurückkommt, übrigens wohlgemerkt um fünf Millionen billiger als die Summe, für die er von Juventus Turin gekauft worden ist.
Dazwischen lagen die Freudenpunkte über die verkorksten Spiele der Bayern, von Schalke und Leverkusen - die gehen vor allem aufs Konto der Kollegen. Freudenbad und Ohnmacht lagen bei den Turbulenzen des VfL Wolfsburg gegen Mainz - 3:0 geführt, auch durch ein Diego-Tor, und dann alles mit 3:4 versemmelt - zumindest bei mir nah beieinander. Und dann der krönende Abschluss am Sonntagabend, als ich einem Ex-VfB-Dauerkarten-Besitzer den aktuellen Spielstand am Telefon mitteilte: "Die liegen 1:3 hinten."
Da war Stille am anderen Ende. Ganz zu schweigen vom Kollegen, der beim Mittagstisch am Montag nur ein Thema kannte: "Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll mit Löcher stopfen."
Und da hat er echt recht, Herr Bobic. Der VfB Stuttgart lässt seine Stars ziehen und holt maximal Veteranen und traumatisierte Heimkehrer zurück, schafft durch ein paar Eigengewächse und durch Trainerwechsel dann zwar immer noch den Anschluss, aber um wieder ganz vorn mitzuspielen, reicht das nicht. Das Schlimme ist: Auch guten Spielern haftet nach spätestens einer Saison ein lästiges Kehrwochenflair an, das so klebrig ist wie der Feinstaub in Stuttgart.
Und wer bitte schön ist denn Mauro Camoranesi? Ich weiß schon, Sie rechnen uns jetzt wieder den Stadionumbau vor, die Fehlinvestitionen und manches mehr. Aber man wundert sich halt, dass Felix Magath und Ex-VfB-Sportdirektor Horst Heldt kurz mal für mehr als 35 Milionen shoppen gehen. Man ärgert sich, dass der VW-VfL-Wolfsburg der Daimler-Porsche-VfB-Stadt Stuttgart mit dem Diego-Silberpfeil dem Camoranesi-Fiat-Panda einmal mehr die Zunge rausstreckt und Ätsch! sagt. Der Transfermarkt ist geschlossen und am Neckar heißt es wieder: Kein Fußball, keine Tore, keine Leidenschaft! Herr Bobic, bitte einmal mit der Schaufel in der Cannstatter Kurve buddeln, vielleicht liegen da noch ein paar Scheinchen rum.
Mit freundlichen Grüßen, das Wochenblatt-Team
Katrin Schenk
01.09.2010 - aktualisiert: 01.09.2010 19:57 Uhr