"Wo ist denn nun die Kunst?"
Kunstprojekt Europaplatz High Noon in vollem Gange
Kurz vor seinem Abriss erstrahlt der Europaplatz noch einmal in Pink. Diese Farbe wählte Martina Geiger-Gerlach für ihr Außenprojekt mitten auf dem Europaplatz: Sie lädt die Bewohner dazu ein, die komplette Architektur als Malgrund zu nutzen. Auch in den Ateliers rund um den Platz entstehen langsam die vielfältigen Werke der anderen Künstler.
"Mein Projekt ist ein malerischer Eingriff in einen benachteiligten Stadtteil durch die penetrante Fröhlichkeit der Farbe Pink", erklärt Martina Geiger-Gerlach. "Jeder, der Lust hat, darf mitmalen." Rund zehn Fasanenhöfler haben schon mitgemacht und sich zusammen mit der Künstlerin farblich ausgetobt.
"Ein Bewohner vom Hochhaus gegenüber hat sogar angeboten, die Weiterentwicklung jeden Tag von seiner Wohnung aus zu fotografieren", freut sie sich. Was ihr nun noch fehlt, sind Spenden für mehr Farbe, sozusagen eine "Investition in mehr Pink". Ein leerer Farbeimer auf dem Platz dient als Spendenkasse.
Insgesamt arbeiten 17 Künstler in den zu Ateliers umfunktionierten Ladengeschäften. Sieben der Künstler stammen aus Belgrad. Die Schirmherrschaft über das Projekt hat das serbische Generalkonsulat in Stuttgart übernommen. "Die ersten zwei Tage verbrachten die Künstler mit der Materialsuche, hauptsächlich in Baumärkten in der Gegend", erzählt Initiator Kay Kromeier.
"Wir mussten uns erst einmal organisieren und jetzt gehen die Arbeiten so langsam richtig los." Der Kulturwissenschaftler wird das ganze Projekt fotografisch dokumentieren und nach Abschluss einen Katalog erstellen. Auch eine Fotoedition ist geplant.
Christine Lohan kommt in der Zentrale der Künstlerstadt vorbei und erzählt von ihrem Projekt. "Es geht um das Thema Heimat. Ich bitte die Bewohner mir zu erzählen, was die Heimat ist und nehme es mit einem Aufnahmegerät auf." Die Geschichten werden dann in einer Toninstallation zu hören sein. "Das Anhören der Geschichten soll ein Genuss sein", erklärt sie. Ivana Milev und Ana Mardjetko arbeiten zusammen in einem Atelier. Ivana hat sich im Baumarkt Fliesenabstandhalter aus Kunststoff gekauft und wird aus unzähligen davon eine Skulptur erschaffen. Ana arbeitet mit Draht und Klebeband. Sie plant eine organische Form wie eine Muschel.
Ein Atelier weiter drehen Moritz Reichartz und Andrea Eva Györi einen Stopp-Motion-Film. "Der Film wird in einer Endlosschleife laufen und in einer Installation zusammen mit Requisiten gezeigt, so dass man sozusagen die Welt des Films betreten kann", erklärt Moritz Reichartz. Über den Inhalt will er noch nichts verraten.
Michael Stolz hat in seinem Atelier große Leinwände aufgehängt. Der Maler will den direkten Entstehungsprozess sichtbar machen. "Es ist keine konzeptuelle Herangehensweise, ich weiß also noch nicht, wie es aussehen wird", erklärt er. Man sehe deutlich das Vielschichtige und Gewachsene.
Oft bekomme er Besuch von Bewohnern, die ihm beim Arbeiten zusehen. Einer sei hereingekommen und habe ihn gefragt: "Wo ist denn jetzt die Kunst?"
02.09.2010 - aktualisiert: 02.09.2010 17:45 Uhr