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Vieles bleibt auf der Strecke


Helfende Hände werden gebraucht - Zivildienststellen trotzdem gestrichen
 

Es ist beschlossene Sache: Der Wehrdienst wird verkürzt und mit ihm zwangsläufig auch der Zivildienst. Ab 1. Dezember währt der Einsatz nur noch sechs statt bisher neun Monate. Klingt erstmal nicht nach viel - bedeutet für die sozialen Einrichtungen mehr Aufwand, um entstehende Lücken zu stopfen. Ist der Zivildienst noch zukunftsträchtig?
 

BAD CANNSTATT/STETTEN

"Die Verkürzung überfällt uns nicht, man verfolgt ja die politische Situation - aber das macht die Sache nicht besser", sagt Ursula Matzke, Pflegedirektorin des Robert Bosch-Krankenhauses. 26 Zivildienstleistende sind am RBK beschäftigt, vor allem im Transport. Die jungen Menschen bringen Patienten von der Station zur Diagnostik und zurück, einige verrichten Hilfstätigkeiten auf den Stationen.

"Viele Zivis schließen ein Studium oder eine Ausbildung im Gesundheitswesen an", weiß Matzke. Nicht nur, aber auch, um Nachwuchs "anzuwerben", legt das RBK Wert auf inhaltliche Qualität der Zivizeit, auf Begleitung durch Mentoren.

Durch die Verkürzung auf sechs Monate wird vieles auf der Strecke bleiben.

Einarbeitungs- und Schulungszeiten müssen kürzer werden und "wir müssen genau überlegen, zu welchen Aufgaben die Zivis künftig herangezogen werden sollen", so Matzke.

Das bedeutet auch einen großen organisatorischen Aufwand, denn "durch die sechs Monate entstehen Lücken, die man so schnell nicht auffüllen kann". Ein Mischsystem aus festangestellten Servicehelfern, Praktikanten, FSJlern und Zivis soll Abhilfe schaffen. Sind die Zivis im Frühjahr und Sommer weg, werden die Lücken mit Praktikanten gestopft.

"Sechs Monate reichen auch, um die Erfahrungen zu machen, die ich gemacht habe", findet Benjamin Wengert. Der 25-jährige Student hat seinen Zivildienst noch regulär in neun Monaten absolviert - und räumt dann doch ein, dass ein halbes Jahr abzüglich Urlaub und Schulungen vielleicht doch nicht mehr so viel ist.

Die Arbeit im Krankenhaus habe ihm Spaß gemacht, obwohl es am Anfang belastend gewesen sei. "Man bekommt Respekt, akzeptiert, dass man nichts ändern kann", erzählt er. Besonders in Anbetracht sehr kranker junger Patienten habe er gelernt, die eigene Gesundheit zu schätzen.

"Die Erfahrungen sind für viele oft sehr prägend", weiß Eberhard O. Brachhold, Pressesprecher der Diakonie Stetten. Von rund 120 genehmigten Zivistellen werden nach den Sommerferien 60 bis 70 besetzt.

Die meisten Zivis leisten Fahrdienste: einige fahren die Behinderten im Auto oder Rollstuhl, andere liefern Wäsche oder Essen aus. Nur wenige seien in der direkten Betreuung eingesetzt, zum Beispiel in der Werkstatt.

"Wenn es keine Zivis gäbe, könnte das alles nicht geleistet werden oder wäre zumindest aufwändiger", so Brachhold.

Besonders beliebt bei Zivildienstleistenden war seit langem die Bergschule, eine Sonderschule für Kinder mit geistiger Behinderung. Hier sind die Lehrer auf zusätzliche Hände angewiesen, die beim Wickeln helfen oder beim Essen.

Jetzt wurden die Zivistellen an der Schule schweren Herzens gestrichen. Ein halbes Jahr ohne eingelernte Helfer ist nicht zu überbrücken, außerdem ist Schülern nicht zuzumuten, sich alle Nase lang auf neue Menschen einzustellen.

"Wir fordern eine Dienstzeit, die für die Einrichtungen planbar ist", so Brachhold. Ein Jahr sei ein sinnvoller Zeitraum. Die Zeit soll auch für die jungen Menschen sinnvoll sein, die einen Zusatznutzen aus der sozialen Arbeit ziehen sollen - "ob das nun Zivildienst ist oder das FSJ oder ein Praktikum".


lako

02.09.2010 - aktualisiert: 02.09.2010 11:58 Uhr

 

 

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