
Winterschlussverkauf
"Wir gucken, dass wir miteinander können, das Haus und ich"
Serie (III): Ulrike Weinbrenner entdeckte Wandmalereien in ihrem Haus
In unserer Serie "Wohnen in einem Kulturdenkmal" berichtet die Restauratorin Ulrike Weinbrenner von ihren Erlebnissen in dem ensemblegeschützten Haus an der Tuttlinger Straße 90 und wie sie nach 22 Jahren in ihrem Wohnhaus beim Umbau Wandmalereien entdeckte.
Schicksalhaft könnte man diese Verbindung nennen, zwischen Ulrike Weinbrenner und ihrem Haus. Sie als Restauratorin lebt seit 1969 in dem früheren Bauernhaus und entdeckt erst 22 Jahre nach dem Einzug, welche alten Schätze darin verborgen sind.
1983 kauft die gebürtige Reutlingerin die "Bruchbude", wie so manche damals das Haus bezeichneten. Als sie dann 1991 ein Erbe ausbezahlt bekommt, macht sie sich an den Umbau. Was dann hinter den Tapeten zum Vorschein kommt, kann sie kaum glauben: Der Satz des Thales, der Satz des Pythagoras, die konzentrische Streckung, eine bunte Zirkelmalerei an der Wand, eine chemische Formel über dem Türsturz aus dem 19. Jahrhundert und eine Blütenmalerei an der Zimmerdecke aus dem Jahren 1907/08 sind an den Wänden des heutigen Empfangszimmers aufgemalt. "Als ich noch zur Miete gewohnt habe und dies alles nicht sichtbar war, war das mein Wohnzimmer. Es muss früher der Unterrichtsraum gewesen sein", sagt die 68-Jährige. Dokumentiert ist, dass 1820 an dieser Adresse die Sillenbucher Schule eingerichtet wurde.
Im Eingangsbereich war hinter mehreren Schichten eine bunte Bordüre verborgen, die die Restauratorin freilegte, genau wie den original Steinboden.
1804 oder 1805 - die letzte Zahl konnte man im Dokument nicht erkennen - wurde das Haus gebaut. Ein Teil des Gebäudes wurde später der erste Konsum Sillenbuchs und dann schließlich zum heutigen Arbeitsplatz Weinbrenners, einem Restaurations-Atelier, umgebaut.
Weitere Wandmalereien zieren eines der Schlafzimmer im ersten Stock. "Eigentlich waren die Blüten weiß, blau und gelb." Doch durch Abnutzung erscheinen die Blüten heutzutage grünlich. "Das Freilegen war eine Riesen-Arbeit." Aber nicht nur innerhalb des Hauses, auch das Streichen der Fassade und den Einbau von Fenstern musste sie mit den Behörden absprechen, da auch bei Ensembleschutz gewisse Auflagen gelten.
In ihrem Haus stehen zum Teil 100 Jahre alte Möbel von ihren Großeltern, gepaart mit modernen Stücken. "Wir gucken, dass wir miteinander können, das Haus und ich", sagt Weinbrenner grinsend. Die Möbel seien die Wurzeln, die sie habe und in denen sie nun weiterlebe. "Wenn ich beruflich irgendwann nicht mehr so viel zu tun habe, gehe ich an die Decke", lacht die Restauratorin und meint damit ihr Decken-Fresko-secco im Empfangszimmer, das noch nicht ganz fertig ist.
lil
02.09.2010 - aktualisiert: 02.09.2010 11:53 Uhr
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