Es lebe die Freiheit,  oder nicht?

„American Dreams“ heißt die Sonderausstellung  im Haus der Geschichte, die das Leben in den USA von  1825  bis in die heutige Zeit zeigt – Viele Musikbeispiele sind in die Schau, bei der auch KI eingesetzt wird, eingebunden.

Welches Schicksal sie denn als filmreif bezeichnen würde?, wird Dr. Franziska Dunkel, Kuratorin der Großen Landesausstellung „American Dreams“ im Haus der Geschichte, gefragt. Die Historikerin  hat an diesem Vormittag  bereits schon von  vielen Schicksalen berichtet  und  meint: „Vielleicht Georg Rapp.“ Rapp ist 1803 in die USA ausgewandert und gehört somit zu den Pionieren der Auswanderung. „In einem Lied heißt es: Es kommt jetzt bald die beßre Zeit, wo man euch nicht mehr plagt.“
Das hofften diejenigen, die in das gelobte  Land schifften. Rapp, von Beruf Leinenweber beispielsweise, gehörte zu denjenigen, die Iptingen in Württemberg vor allem deswegen verließen, weil sich im Herzogtum  radikale Pietisten gegen den Staat wehrten. Dem charismatischen Iptinger Rapp gelang es, 10 000 Anhänger um sich herum zu scharen. Mit 700 Personen reiste er los, in dem Glauben, dass Jesu in den Vereinigten Staaten wiederkehren würde.

Der erhoffte Messias kam nicht ins Städtchen Harmony

  Gleich mehrmals gründeten sie an verschiedenen Orten das Städtchen Harmony. Zunächst florierte   das Wirtschaftsleben, dank  Mühlen, einer Dampfmaschine, einer Brauerei und zahlreicher Werkstätten.   1827 führte Rapps Enkelin Gertrude  die Seidenproduktion ein. Die Familie Rapp gönnte sich Wohlstand, was bei sämtlichen anderen Gemeindemitglieder nicht gut ankam. Und  auch der erhoffte Messias – so der  Glaube  dieser Gemeinde – kam nicht, zumindest nicht in Harmony. Stattdessen folgten  ein Drittel der Bewohner einem selbst ernannten Messias aus Frankfurt nach Louisiana.
Nicht nur Franziska Dunkel muss schmunzeln, wenn  sie  diese Geschichte erzählt. Ein Seidenband   der damaligen Produktionsstätte steht im Haus der Geschichte für die ersten Erfolgsgeschichten  amerikanischer Siedler.

„Es geht um Aufstieg und Reichtum, Risiko und Mildtätigkeit, um Nationalstolz  und Religion“

   Die Große Sonderausstellung ist voll von Tragödien,  von Landnahme, Konflikten auch zwischen den Fremden und den Ureinwohnern, den indigenen Völkern.
„Es geht um Aufstieg und Reichtum, Risiko und Mildtätigkeit, um Nationalstolz  und Religion“, sagt Dr. Rainer Schimpf, Ausstellungsleiter im Haus der Geschichte. Insgesamt sind 200 historische Originalobjekte bis  Ende Juli kommenden Jahres zu sehen. Weitere Protagonisten, die in der Schau vorkommen, sind unter anderem  der religiöse Conrad Beissel, der aus Eberbach ausgewiesen wurde, oder die Kommunistin Anne Nill, die durch Immobilienverkäufe vermögend wurde. Sie war eine Gönnerin für verarmte  Kinder in ihrer Heimatstadt Mössingen.
Was die Schau  weiterhin sympathisch macht: Es gibt witzige Exponate wie Schönhuts  Humpty Dumpty Circus, ein Spielzeug eines Göppinger Großfabrikanten, das sich zum Verkaufsschlager entwickelte.
Der Zirkus steht als Symbol für ein Dach über einer kleinen Welt, die einerseits divers ist, aber mit ihren integrierten Völkerschauen auch den frühen Kolonialismus abbildet. Musikbeispiele werden den Besucherinnen und Besuchern immer wieder mit an die Hand gegeben.
Außerdem sind immer wieder Elemente eingebaut, wie digitale Oberflächen,  auf denen das „Storytelling“, also das digitale Erzählen einer Geschichte  oder einer Biografie, geschieht.
Am Beginn der Ausstellung stehen   auf Video aufgenommene Statements junger Leute, die sich zu den USA äußern, wie sie das Land, das vielen von uns doch erst einmal als Land der unbegrenzten Möglichkeiten bekannt ist, wahrnehmen. Am Ende  darf der auf einem großen Bildschirm noch eingeben, was für sie oder ihn Heimat, Vertreibung, Migration bedeutet  – und dank KI werden  passende Bilder auf  einer großen Oberfläche erzeugt.

Gut zu wissen

Das Haus der Geschichte bietet gemeinsam mit dem Deutsch-Amerikanischen Zentrum Stuttgart (DAZ) ein analoges und digitales Programm zur Ausstellung an. Zum Programm zählen  Führungen, szenische Lesungen, Theater und Aktionen wie ein Poetry-Slam-Abend. Die Sonderschau geht bis zum  28. Juli 2024.